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Per Weltraumlaster zum Laborcontainer

7. Februar 2008, 14.45 Uhr Ortszeit am Kennedy Space Center: Die US-Raumfähre Atlantis steht fertig zum Abflug auf der Startrampe 39A. Lähmende Spannung senkt sich über das gesamte Gelände. Dann beginnt der entscheidende Countdown: 'T minus ten, nine, eight. Go for main engines start! Seven, six. Main engines ignition. Four, three, two, one, zero! And lift-off for space shuttle Atlantis as Columbus sets sail on a voyage of science to the space station.'"

Mit der Beschreibung des Starts des europäischen Raumlabors Columbus an Bord einer amerikanischen Raumfähre beginnt der Hamburger Wissenschaftsjournalist Dirk Lorenzen sein neuestes Buch. Seine bildhafte Beschreibung des Ereignisses zieht den Leser sogleich in den Bann, lässt ihn an der Faszination Raumfahrt teilhaben. Das Werk ist eher eine 200-seitige Reportage, die man gerne verschlingen mag, denn ein traditionelles Sachbuch.

Auf dem Einband sieht man einen Astronauten beim Außeneinsatz an Columbus. Es folgen eine Hand voll fantastischer, doppelseitiger Fotos vom Raumlabor und von Europas unbemanntem Schwertransporter ATV (Automated Transfer Vehicle). Dessen erstes Exemplar namens "Jules Verne" erfüllte im Frühjahr 2008 seinen Transportauftrag und verglühte ein halbes Jahr später planmäßig in der Atmosphäre. Abgesehen von einigen mehr textlastigen Seiten im Innenteil könnte das Buch glatt als Bildband durchgehen.

In seiner Einführung wird Jean-Jacques Dordain, Ex-Astronautenanwärter, Professor für Strömungsmechanik und amtierender Generaldirektor der Europäischen Weltraumorganisation ESA, nicht müde, die europäischen Beiträge zur Raumfahrt in den höchsten Tönen zu loben – wenig verwunderlich, das gehört zu seinen Dienstpflichten. Für den Rest des Buchs übernimmt dies der Autor.

"Die bemannte Raumfahrt steht vor einem großen Umbruch", ist auf dem Buchumschlag zu lesen. "Europa wurde mit Columbus und dem ATV ein vollwertiges Mitglied im elitären Club der Weltraumnationen. Nutzt der alte Kontinent die Chance, dauerhaft zu einer großen Weltraummacht zu werden?"

Nun, die ESA hat in den vergangenen Jahren zahlreiche Erfolge verbuchen können, aber das mit der Weltraumnation scheitert schon daran, dass Europa eben keine Nation ist, sondern ein Multikulti-Debattierklub, der seine Aufträge nicht nach der technischen Leistungsfähigkeit, sondern im Verhältnis der Beitragszahlungen der einzelnen Länder vergibt. Da ist kein Platz für Visionen wie die vom bemannten Mondflug, mit der US-Präsident John F. Kennedy 1961 ungeheuer viel Geld und Energie auf dieses Ziel lenkte, oder für den Versuch von George W. Bush, es ihm mit seiner "Vision for Space Exploration " von 2004 nachzutun, mit Rückkehr zum Mond bis 2020 und einem bemannten Flug zum Mars. Es ist sogar zweifelhaft, ob die Begeisterung der Europäer überhaupt für irgendwelche bemannte Raumfahrt reicht.

Nach wie vor sind die Astronauten der Mitgliedsstaaten nur "Beifahrer" in den Vehikeln anderer Nationen. Die ESA hat 2001 ihr Programm Aurora zur Erforschung des Sonnensystems vorgestellt, doch scheinen dem keine nennenswerten Taten zu folgen. Wie Lorenzen beschreibt, gibt es zwar Ideen, das ATV für den Transport von Astronauten und nicht nur von Fracht aufzurüsten, aber man muss befürchten, dass dieses Vorhaben ebenso in der Versenkung verschwindet wie damals die Pläne für den europäischen Raumgleiter Hermes.

Gleichwohl billigt der Autor Europa Rang 3 unter den Astronautenriegen zu; aber nachdem auf Weisung von Barack Obama die NASA vom Ziel Mond abrückt, wird aller Voraussicht nach der nächste Mensch auf dem Erdtrabanten ein Chinese sein. Indien hat ebenfalls Ambitionen und mit seiner Sonde Chandrayaan-1 bereits den Mond erreicht.

Dessen ungeachtet ergreift Lorenzen klar Partei für die Internationale Raumstation ISS und ein bemanntes europäisches Raumprogramm. Auf die Diskussion um den wissenschaftlichen Nutzen lässt er sich gar nicht ein, wohl wissend, dass er nur verlieren könnte: "Forschung ist keine Rechtfertigung für die ISS." Stattdessen zitiert er den D1-Astronauten Ernst Messerschmidt: "Die Forschung ist keineswegs das einzige Ziel. Wir verbinden mit der Raumstation Wissenschaft, Forschung, technische Entwicklung, Schaffung von Innovationen, aber auch wirtschaftliche Dinge und Dinge im Bildungsbereich" – welche "Dinge" auch immer man sich dabei denken mag. Immerhin prophezeit er: "Binnen weniger Jahre wird Columbus mehr Forschung in der Schwerelosigkeit ermöglichen, als bei allen bisherigen Raumfahrtmissionen zusammen durchgeführt worden ist."

Ein Problem dabei lässt Lorenzen nicht unangesprochen: All dies steht und fällt mit dem Einsatz der Spaceshuttles. Bereits nächstes Jahr soll jedoch letztmals eine Raumfähre an der ISS anlegen, kurz nachdem die Besatzung so weit aufgestockt wurde, dass Astronauten überhaupt Zeit für die Forschung erübrigen können und nicht, wie Thomas Reiter 2006, fast nur mit Instandhaltungsarbeiten an der Station beschäftigt sind. Doch das ATV und sein russisches Vorgängermodell Progress verglühen bei der Rückkehr zur Erde, und die Sojus-Kapseln sind zu klein, um neben den Insassen auch Experimente und Proben wieder zurückzubringen.

Ab 2010 wird der gesamte "Personenverkehr " an den Russen hängen bleiben, bis frühestens 2015 die neuen Orion-Kapseln der NASA einsatzbereit sind oder tatsächlich Europa seine ATVs zu Passagierschiffen aufmotzt. Lorenzen würde Letzteres begrüßen und wirft in die Waagschale, dass die Ariane 5 als Trägerrakete prinzipiell tauglich wäre. Da sie ursprünglich für den Raumgleiter Hermes ausgelegt war, könne sie, so eine Expertenaussage, mit geringen Modifikationen sogar dazu verwendet werden, bis zu einer Tonne Nutzlast zum Mond zu transportieren.

Durchgehend kommen viele Fachleute zu Wort, was den Text sehr belebt und aufwertet. Die Aussage im Klappentext "Dirk Lorenzen analysiert ebenso engagiert wie kritisch die aktuelle Lage in der Umlaufbahn " ist zwar richtig. Dass er die Errungenschaften der europäischen Ingenieure über den grünen Klee lobt und Kritik an der Raumfahrt mit Polemik oder einer allzu flapsigen Sprache beantwortet, entfernt ihn jedoch weiter von einer neutralen journalistischen Position, als der sachlichen Auseinandersetzung mit dem Thema guttut.

Wenn er obendrein an Stelle der zahlreichen Wiederholungen und vor allem in den oft "nur schön gedichteten" Bildbeschreibungen mehr harte Fakten gebracht hätte, wäre das insgesamt sehr gelungene Buch sogar zum Referenzwerk für Columbus und Jules Verne überhaupt geworden.

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  • Quellen
Spektrum der Wissenschaft, 07/2009

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