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Eine Nullnummer

Die Brüder Igor und Grichka Bogdanov sind in Frankreich ziemlich bekannt. Sie moderierten dort seit 1979 mehrere Fernsehsendungen, in denen es um populärwissenschaftliche Themen und Sciencefiction ging. Ihre Show "Temps X" lief zehn Jahre lang, wurde mehrfach kopiert und brachte ihren Machern einige Berühmtheit ein.

Bekannt wurden sie allerdings auch auf andere Weise. Vor sechs Jahren veröffentlichten sie mehrere Artikel in wissenschaftlichen Fachzeitschriften, darunter den "Annals of Physics" und "Classical and Quantum Gravity". Kurz nach Erscheinen meldeten sich zahlreiche Physiker zu Wort, allen voran der Deutsche Max Niedermaier und der Amerikaner John Baez, die diese Arbeiten als pseudowissenschaftlich, ja sogar als Nonsens bezeichneten. Es ging das Gerücht um, die Bogdanovs hätten einen Hoax publiziert, eine absichtliche Falschdarstellung zur Irreführung des Publikums. Die beiden Fernsehjournalisten blieben allerdings dabei, dass ihre Artikel hochseriös seien. Obwohl die Affäre nach einiger Zeit im Sand verlief, hat sie das wissenschaftliche Renommee der Brüder nachhaltig beschädigt.

Nun haben sie ein opulent bebildertes Buch zu Kosmologie und Astronomie veröffentlicht. Sie beschreiben unser Sonnensystem, die Milchstraße und die Struktur des Weltalls, erörtern die Frage, ob es auch auf anderen Planeten Leben geben kann, und umreißen die Entwicklung des Universums seit dem Urknall. Der bekannte Fernsehmoderator Joachim Bublath hat das Vorwort geschrieben.

Auf den ersten Blick macht das Werk einen fabelhaften Eindruck. Großformatige, fantastische Bilder zeigen die Oberfläche ferner Planeten und Monde, Riesensonnen und Neutronensterne, Elementarteilchen, die Erde kurz nach ihrem Entstehen und das Universum kurz nach dem Urknall. Wo keine Kamera zur Hand war, müssen künstlerische Darstellungen der Vorstellungskraft des Lesers aufhelfen.

Leider verfliegt die anfängliche Begeisterung sehr schnell, sobald man zu lesen beginnt. Der Text enthält massenweise Fehler und wird mit jeder Seite konfuser. Die Bogdanovs, obwohl in Physik (Igor) und Mathematik (Grichka) promoviert, haben offenbar große Schwierigkeiten mit Zahlen. So hat angeblich ein Neutronenstern einen Durchmesser von zehn Metern (gemeint sind vermutlich Kilometer), die Wolken der Venus erheben sich zehntausende Kilometer hoch (es sind mehrere zehn Kilometer), das sichtbare Universum hat einen Radius von 46 Millionen statt 46 Milliarden Lichtjahren, und der Mond ist 30 Kilometer über der Erde entstanden (richtig sind 30000 Kilometer). An anderer Stelle behaupten die Autoren, dass eine Sternexplosion heller leuchte als "sämtliche Galaxien im Universum zusammen" – was beeindruckend klingt, aber Unsinn ist.

Zudem verstrickt sich das Buch in Widersprüche. Da heißt es an einer Stelle, dass der Mond "in weniger als einem Dutzend Jahren" aus kosmischen Trümmern entstanden sei. Wenige Zeilen weiter unten steht, dass sich diese Trümmer "im Lauf von Jahrmillionen" zum Mond zusammengefügt haben. Wie es ein solcher Schnitzer durchs Lektorat schaffen konnte, bleibt das Geheimnis des Verlags.

"Reise zur Stunde null" krankt aber nicht nur an falschen Fakten. Der Inhalt an sich ist absurd, und zwar umso schlimmer, je mehr es ins Detail geht. So schreiben die Bogdanovs, dass siliziumbasierte Lebewesen "einer Art Kristallschwamm" ähneln müssten, eine "statische, langsame Existenz" führen würden und "ihren Durst nur mit Benzol stillen" könnten. Woher sie diese erstaunlichen Einsichten haben, verschweigen sie.

Praktisch auf jeder Seite wartet das Buch mit solchen zweifelhaften Geistesblitzen auf. Die Krönung sind Sätze wie "Wieder stellen wir uns vor, dass hinter der Planck’schen Mauer eine verformte Raumzeit zum Vorschein kommt, die aus der Superposition (+++±) der Lorentz’schen Raumzeit (+++–) und der euklidischen vierdimensionalen Raumzeit (++++) stammt." Ähnliches hat Grichka Bogdanov schon in seiner äußerst umstrittenen Doktorarbeit geschrieben – ein "Potpourri von Modewörtern der modernen Physik, das völlig inkohärent ist", wie sich Hermann Nicolai ausdrückte, Direktor am Max-Planck-Institut für Gravitationsphysik in Potsdam.

Dass so gut wie niemand mit solchen Sätzen etwas anfangen kann, scheint den Verlag nicht gestört zu haben.

Blättern Sie das Werk durch und genießen Sie die schönen Bilder. Den Text können Sie sich getrost sparen.

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  • Quellen
Spektrum der Wissenschaft 06/2008

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