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Aufruhr am Firmament

Ständig hören wir in diesen Tagen von weltlichen Revolutionen – der Himmel hat sie bereits hinter sich. Harry Nussbaumer stellt uns in seinem Buch "Revolutionen am Himmel" die führenden Revolutionäre, die das antike Weltbild nachhaltig verändert haben, ausführlich vor: Kopernikus, Bruno, Brahe, Galilei, Kepler, Descartes und Newton. Sie kämpften gegen die traditionelle Lehrmeinung von Naturphilosophie und Kirche und setzten sich dabei großer Gefahr aus. Die kopernikanische Wende und ihre Folgen sind schon oft beschrieben worden – was bringt also eine erneute Darstellung?

Zweifellos ist ein hochwertiges Buch entstanden. Es beeindruckt durch den festen Einband, das künstlerische Layout und die liebevoll gestalteten Abbildungen. Optisch ein Genuss. Doch hält der Inhalt was das Äußere verspricht? Der Autor, emeritierter Professor für Astrophysik an der ETH Zürich, versteht es, einen mit einer Mischung aus Geschichte, Philosophie und astronomischen Fakten zu fesseln. Man merkt, dass er sich ausführlich mit dem Thema befasst hat; auf den 272 Seiten wird alles Wesentliche behandelt. Der Text ist flüssig und verständlich geschrieben. Selbst wenn man schon einige Bücher zum Thema gelesen hat, erfährt man dennoch Neues.

Bemerkenswert ist auch die Darstellung der Zusammenhänge: Wer hat wen beeinflusst? Wie war der politische und kulturelle Hintergrund? Nicht nur die bereits genannten Personen treten auf, sondern auch vermeintliche Randfiguren, wie etwa Martin Luther, Nikolaus von Kues oder Christoph Scheiner. Sie haben die "himmlische" Revolution entweder gefördert, ignoriert oder versucht sie aufzuhalten.

Die Darstellung ist chronologisch. Sie beginnt mit dem "Vermächtnis der Antike" und führt über den Islam und die Scholastik zu Nikolaus Kopernikus: Er "vertauschte" Sonne und Erde. Einen Mittelweg eröffnete Tycho Brahe – zur Freude der Kirche. Hier umkreisen zwar Mond und Sonne die Erde, die Sonne steht aber im Mittelpunkt der Kreisbahnen aller übrigen Planeten. Dies erklärt etwa die Venusphasen, ohne die Erde aus dem Zentrum zu verbannen. Besonders von Jesuiten-Astronomen wurde dieses Weltbild lange favorisiert. Nussbaumer erzählt auch die tragische Geschichte von Giordano Bruno, der für seine Überzeugungen, insbesondere zur Unendlichkeit der Welt, die von anderen Lebensformen beseelt sei, im Jahr 1600 in Rom verbrannt wurde.

Höhenpunkt des Buches sind die Kapitel über Johannes Kepler und Galileo Galilei. Der Deutsche und der Italiener markieren den Anfang von Astrophysik beziehungsweise Experimentalphysik. Die völlig unterschiedlichen Charaktere werden anregend geschildert: Der eine (Kepler) ein strenger Wissenschaftler, ständig im Konflikt mit dem eigenen Glauben, der andere (Galilei) ein nach Ruhm und Ehre strebender Mathematiker und Physiker, der das Glück hatte, als erster ein Fernrohr für die Himmelsbeobachtung einsetzen zu können. In seiner Eitelkeit unterschätzte Galilei die Macht der Kirche und wurde für seine provokanten Publikationen schließlich bestraft.

Der Autor beschließt seinen Rundgang mit René Descartes und Isaac Newton. Hier eröffnet sich eine neue mathematisch-physikalisch geprägte Welt, in der die Kirche mehr und mehr an Einfluss verlor. Ihre naturwissenschaftlichen Dogmen wurden zur Makulatur.

Am Ende eines jeden Kapitels finden sich Angaben zu den Originalquellen. Ein ausführliches Register gibt die notwendige Orientierung. Fazit: ein bemerkenswertes Buch – sowohl optisch als auch inhaltlich. Unter den vielen Publikationen zum Thema, ragt das von Nussbaumer sicherlich heraus.
14. KW 2011

Dieser Artikel ist enthalten in Spektrum - Die Woche, 14. KW 2011

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