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Amüsante Aufklärung

Großstadtlegenden, Zeitungsenten und allgemein anerkannten Überzeugungen – damit wollen die beiden Engländer John Lloyd und John Mitchinson in ihrem Buch "Scheinbildung – Was an unserem Wissen alles falsch ist" aufräumen. In kurzen Kapiteln beschreiben sie wissenschaftliche oder historische Begebenheiten, Tatsachen und Ursprünge von Ansichten, Alltagsphänomenen oder gängigen Überzeugungen, die man so gut wie nie hinterfragt hat – falls man überhaupt jemals darüber nachgedacht hat. Wer erfand beispielsweise den Champagner? Oder wie heißt das gefährlichste Tier, das je gelebt hat? Die Antworten von Lloyd und Mitchinson sind wirklich oft überraschend – und klingen meist sehr plausibel.

Der Anspruch der Autoren ist allerdings auch nicht zu verachten: Vieles ist ihrer Meinung nach "ein in hohem Maß beschämender Katalog der Missverständnisse, falschen Vorstellungen und Irrtümern unseres Allgemeinwissens" und "selbst Genies werden sich wie Idioten fühlen, wenn sie dieses Buch lesen." Und tatsächlich: Der Champagner etwa stammt nicht ursprünglich aus Frankreich, sondern wurde von den Engländern erfunden. Sie hatten den stillen Wein aus der Champagne importiert, der ihnen aber nicht prickelnd genug war.

Und die gefährlichsten Tiere sind – Mücken. Sie sollen über die Jahrtausende 45 Milliarden Menschenleben ausgelöscht haben, weil sie mehr als hundert potenziell gefährliche Krankheiten übertragen. Eine unvorstellbar hohe Zahl, die zeigt, dass Mücken wirklich mehr als nur eine harmlose Plage sind. Ein ums andere Mal schaffen es Lloyd und Mitchinson, mich mit Informationen dieser Art zu verblüffen. Und sie beantworten jede ihrer Fragen auf ungefähr eineinhalb bis zwei Seiten mit einer prägnanten, amüsant zu lesenden Geschichte.

Auf Gebieten, über die ich zuletzt etwas in der Schule erfuhr – Napoleon und die französische Revolution, Religionsgeschichte und die Bibel – überraschen die beiden Autoren mich schließlich wirklich mit ihren Erklärungen, die Allgemeingültiges auf den Kopf stellen. Ihre Argumente sind schlüssig und mir bisher unbekannte Nebensächlichkeiten der einzelnen Themen geben dem Gesamtzusammenhang eine neue Bedeutung.

Zwischendurch folgen allerdings auch immer wieder Erklärungen, denen ich nur widerstrebend folgen mag – etwa beim Thema Farbwechsel von Chamäleons: "Sie wechseln nicht die Farbe, um mit dem Hintergrund zu verschmelzen. Sie taten es nie und werden es nie tun. Vollkommen gesponnen", schreiben die beiden Autoren. Ich würde nun wirklich gerne wissen, welche Forscher herausgefunden haben wollen, dass Chamäleons als Schreckreaktion eine willkürliche Farbe wählen. Doch der Haken an diesem Buch sind die Beweise und Belege. Lloyd und Mitchinson verweisen zwar ab und an in einem Nebensatz auf Studien oder Forschungsergebnisse, doch die Primärquellen geben sie leider nicht an. Ein Quellennachweis am Ende des Buches hätte die Aufdeckung des Scheinwissens wesentlich glaubhafter gemacht, so aber bleibt an manchen Stellen ein skeptischer Nachgeschmack.

Dennoch ist "Scheinbildung" ein lehrreiches und kurzweiliges Buch, das gut zwischendurch zu lesen ist. Die Kapitel bauen thematisch logisch aufeinander auf und sind alle in sich abgeschlossen. Der Inhalt orientiert sich stark an der typischen Allgemeinbildung, und die Themen reichen von Geschichte über Biologie bis zur Astronomie. Fast jede Fachrichtung wird angesprochen, spezielles Fach- oder Vorwissen ist jedoch nicht notwendig. Bis auf wirklich wenige Ausnahmen freut man sich am Ende eines Kapitels schon auf das nächste.

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