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Was der Mensch im All sucht

Der Titel "Sie sind hier" hört sich zunächst bedrohlich an. Geht es etwa um Außerirdische, die sich unbemerkt unter die Menschen gemischt haben? Der etwas nach Hawking klingende Untertitel "Eine handliche Geschichte des Universums" lässt anderes vermuten. Zum korrekten Verständnis ist hier vor allem der Pfeil auf dem Schutzumschlag wichtig. Er zeigt auf ein Loch, durch den ein Stern der Milchstraße scheint. Symbolisch bedeutet dies: Hier bin ich, der Leser, an einem winzigen Punkt im Universum. Es geht im Wesentlichen um die (philosophische) Frage: "Was hat ausgerechnet der Mensch dort verloren?"

Auf 320 Seiten wird hierzu ein weiter Bogen gespannt: Ausgehend vom Menschen in seiner Umwelt (Mediakosmos) geht es – nach bewährtem Muster in Zehnerpotenzen – zu den größten Entfernungen (Makrokosmos), dann werden die kleinsten erkundet (Mikrokosmos). Nach dem Raum ist die Zeit dran: Eingestiegen beim theoretischen Beginn (Urknall) wird die Entwicklung der kosmischen Strukturen bis hin zur Entstehung unseres Planeten dargestellt. Abschließend geht es in einem biologischen Exkurs um die Evolution des Lebens – und man landet schließlich wieder beim Menschen.

Ein interessantes Konzept, das weniger von den astronomischen Fakten lebt – hier gibt es genügend andere Literatur – als vielmehr von den historischen und philosophischen Betrachtungen des amerikanischen Autors. Dieser ist auch kein Astrophysiker sondern Verleger und Lektor, was dem Thema erstaunlich gut tut, denn es werden neue Sichtweisen eröffnet. Ein besonderes Vergnügen bereitet das letzte Kapitel "Wir sind da", in dem es unter anderem um das (gespannte) Verhältnis von Naturwissenschaft und Religion geht.

Lassen Sie sich überraschen. Der Autor liefert in der Tat eine "handliche Geschichte" – und kein Lehrbuch. Das zeigen schon die eigenwilligen Überschriften wie etwa "Es geht nicht um Sie", dem ein lesenswerter Abriss der philosophischen Quellen unseres Weltbildes folgt, oder "Etwas und nichts", wo – mit einem Abstecher in die Quantentheorie – die Geburt des Universums aus dem Nichts behandelt wird.

Das Buch ist verständlich und locker geschrieben. Nur wenige Fehler sind zu bemängeln. Auf Seite 120 heißt es etwa: "Zu einer der ersten Beobachtungen dieser mysteriösen Rotverschiebung gehörte die im Spektrum des Andromeda-Nebels." Leider ist unsere Nachbargalaxie eine der ganz wenigen mit Blauverschiebung. Dann liest man: "Die Sonne verbrennt pro Sekunde vier Millionen Tonnen Wasserstoff" (S. 227). Dieser Wert entspricht dem Massendefekt bei der Umwandlung von Masse in Energie; für die ursächliche Kernfusion wird aber wesentlich mehr Wasserstoff "verbrannt". Auf Seite 210 geht es um Supernovae, und Potter schreibt: "Eine solche Sternexplosion leuchtet eine Zeit lang heller als hundert Galaxien." Das ist wohl deutlich zu viel; eine Einzige von der Größe der Milchstraße tut es auch. Leider gibt es keine Abbildungen, dafür aber ein gutes Register und eine ausführliche Bibliografie.

Mein Fazit: Ein empfehlenswertes Buch, insbesondere für Leser mit einer "philosophischen Ader", die gerne über die Stellung des Menschen in Raum und Zeit nachdenken.
41. KW 2010

Dieser Artikel ist enthalten in Spektrum - Die Woche, 41. KW 2010

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