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So ist die Welt sicher nicht gebaut

"Das Buch der Natur ist in der Sprache der Mathematik geschrieben" (Galilei) – schon recht, aber man kann sich in dieser Sprache auch Unfug zusammenfantasieren. Eine prominente Fehlinterpretation stammt von Johannes Kepler, der die Bahnen der Planeten und die fünf platonischen Körper abwechselnd ineinanderschachtelte und damit die Bahnradien erklären wollte.

Kepler selbst hat sich noch rechtzeitig von derartigen Ideen verabschiedet, um die wahren Gesetze der Planetenbewegung zu entdecken. Aber sie leben fort, und im Geist von John Michell (1923–2009) sogar bis in die jüngste Vergangenheit. Der britische Privatgelehrte hat mehr als 40 Bücher über fliegende Untertassen, "Maßsysteme der Tempel", "Die Geomantie von Atlantis" und ähnliche Themen verfasst. Er greift die Zahlenmystik des Pythagoras auf, erschließt aus der Offenbarung des Johannes den Grundriss des heiligen Jerusalem bis in feinste Details und entnimmt tiefe Weisheiten jenen Kornkreisen, die vor einigen Jahren in seinem Heimatland grassierten. Haarscharf schreibt er an der Behauptung vorbei, Außerirdische hätten uns diese Botschaften übermittelt – so lächerlich will er sich dann doch nicht machen.

Bemerkenswerterweise hindert dieser ganze Unfug seinen Autor nicht daran, interessante Geometrie zu betreiben. Die kleinen ganzen Zahlen n = 3, 4, 5, … der Reihe nach durchprobierend, findet er Aufteilungen der Ebene mit n-zählig symmetrischen Strukturen. Für n = 5 entdeckt er wie schon Kepler, dass sehr symmetrische, aber eben nicht sich periodisch wiederholende Muster zu Stande kommen, wenn man regelmäßige Fünfecke, Fünfsterne und zugehörige Füllelemente in konzentrischen Ringen anordnet. Das ist das von Roger Penrose ausgearbeitete Prinzip, das in der Theorie der Quasikristalle eine überraschende Anwendung findet. Auf diese Weise konstruiert Michell, streng nach Platons Schriften, den Bauplan von Atlantis, Hauptstadt des gleichnamigen sagenhaften Weltreichs, mit handgezeichneten Bildern, bis er bei den letzten Mustern wegen deren großer Komplexität widerwillig zur Computergrafik Zuflucht nimmt.

Was stört es schon einen großen Geist, dass dieser Grundriss mit städtischem Leben jeglicher Art nicht in Einklang zu bringen ist und dass die Vorstellung, Atlantis sei letztlich an einem Mangel an geometrischer Vollkommenheit zu Grunde gegangen, jeder Vernunft ins Gesicht schlägt? Die Muster sind von bemerkenswerter Qualität.

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  • Quellen
Spektrum der Wissenschaft 5/2011

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