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Eine Geschichte der Niederlagen und Triumphe

Nach einer Pause von rund einem Vierteljahrhundert wagte Russland Anfang November 2011 einen neuen Anlauf zur Erkundung des Sonnensystems. Phobos-Grunt hieß das ambitionierte Projekt, das als Höhepunkt die Landung auf dem Marsmond Phobos und die Rückführung von bis zu 200 Gramm Gesteinsmaterial zur Erde vorsah. Aber wie alle russischen beziehungsweise sowjetischen Missionen zum roten Planeten Mars war auch dieser Flug vom Pech verfolgt, die Sonde strandete in der Erdumlaufbahn und ließ sich nicht auf Erdfluchtkurs bringen. Man ist schon fast geneigt von einem "russischen Marsfluch" zu sprechen, sieht man sich einmal die Geschichte aller russischen Missionen zum Mond und den Planeten an.

Dafür eignet sich vortrefflich das Buch "Soviet Robots in the Solar System". Es wurde geschrieben von Wesley T. Huntress, Planetenforscher an der Carnegie Institution in Washington, und Mikhail Ya. Marov, Forscher am Vernadski-Institut für Geochemie in Moskau. Das Vernadski-Institut ist die Forschungseinrichtung in der ehemaligen UdSSR, die, analog zum berühmten Jet Propulsion Laboratory der NASA in Kalifornien, die meisten Raumsonden zum Mond und den Planeten Mars und Venus plante, entwarf und betreute.

Das Buch profitiert ungemein von der Öffnung der ehemals sowjetischen Raumfahrtarchive, so dass viele Erfolge und Fehlschläge erstmals detailliert vorgestellt werden. In der sowjetischen Raumfahrt gab es offiziell keine Fehlschläge oder nur dann, wenn sie sich absolut nicht mehr verschleiern ließen. Durch die strikte Geheimhaltung in der Sowjetunion gewann die Weltöffentlichkeit in den 1950er bis 1970er Jahren jedoch den Eindruck eines äußerst erfolgreichen Raumsondenprogramms zur Erkundung unserer nächsten Nachbarn im All.

Die Wahrheit sah jedoch ganz anders aus, wenn man dieses Buch liest. Mehrmals gab es aus den unterschiedlichsten Gründen bis zu einem Dutzend Fehlschläge, bis eine Raumsonde endlich ihr Ziel erreichte.

Das Buch gliedert sich in zwei Teile, einen geschichtlichen und einen chronologisch-lexikalischen Abschnitt. Der erste beschreibt die handelnden Personen der sowjetischen Raumfahrt, die zum Einsatz gekommenen Trägerraketen und die unterschiedlichen Raumsondenprogramme. Es wird erklärt, warum sich die UdSSR nie an Flüge über Mars und Venus hinaus heranwagte und diesen Bereich der Planetenforschung kampflos den USA überließ.

Der zweite, wesentlich ausführlichere Teil behandelt in chronologischer Abfolge die einzelnen Flüge zu Mond, Mars und Venus. Dabei achten die Autoren aber darauf, die einzelnen Sonden im Kontext zu beschreiben und springen nicht streng nach der Startabfolge zwischen Mond, Venus und Mars hin und her. Löblich ist, dass gegebenenfalls auch die bei den einzelnen Missionen erhaltenen Ergebnisse ausführlich behandelt werden und nicht nur die Technik der Raumsonden im Vordergrund steht.

Die Texte sind in einer klar verständlichen Sprache geschrieben und sehr informativ. Im deutschen Sprachraum gibt es definitiv kein Buch zum Thema, das eine derartige Detailfülle bietet. Auch im englischen Sprachraum ist nur das bereits 1987 erschienene Buch "Solar System Log" von Andrew Wilson vergleichbar, wobei seinerzeit die sowjetischen Archive noch nicht so weit offen standen wie heute und somit viele Einzelheiten noch unbekannt waren oder auf Hörensagen beruhten.

Beim Lesen des Buchs zeigt sich schnell, dass nach viel "Lehrgeld", das vor allem in den 1950er und 1960er Jahren in Form dutzender Fehlschläge von den sowjetischen Forschern und Ingenieuren gezahlt werden musste, die UdSSR im Bereich der unbemannten Erkundung des Mondes und der Venus bis in die 1980er Jahre hinein reüssierte und teilweise der US-amerikanischen Planetenforschung deutlich voraus war.

So gelang es bisher nur Russland, unbemannt auf dem Mond zu landen und von dort Gesteinsproben zur Erde zu schaffen, welche die von den Apollo-Astronauten aufgesammelten Probenmaterialien wertvoll ergänzten. Und die UdSSR betrieb Anfang der 1970er Jahre auf dem Mond auch die ersten ferngesteuerten Fahrzeuge, Lunochod 1 und 2, die viele Kilometer auf der Mondoberfläche zurücklegten.

Unbestritten sind die sowjetischen Erfolge bei der Erforschung der Venus, die bis heute Bestand haben. Russischen Sonden gelangen die ersten weichen Landungen auf Venus, sie sandten die ersten Bilder ihrer Oberfläche zur Erde zurück und analysierten vor Ort die Gesteine. Weder die USA noch Europa können bei diesem Planeten ähnliche Erfolge oder Missionen vorweisen.

Ganz anders sieht es allerdings bei der Erkundung des Mars aus. Hier gelang es Russland trotz fieberhafter Anstrengungen nie, einen vollen Erfolg zu erzielen. Praktisch alle Marssonden scheiterten oder konnten nur magere Teilerfolge vorweisen. Besonders frustrierend war die Landemission von Mars 3 im Dezember 1971: Hier gelang Russland zwar die erste weiche Landung auf dem Roten Planeten, aber nur 20 Sekunden später fiel die Sonde für immer aus. Somit konnten die USA rund fünf Jahre danach mit den Viking-Raumsonden 1976 die ersten beiden erfolgreichen Landungen auf dem Roten Planeten für sich verbuchen. Auch den vier Sonden, die sich im Jahr 1973 auf den Weg machten, erging es kaum besser, sie lieferten ebenfalls nur bescheidene Ergebnisse wie einige wenige Bilder der Marsoberfläche.

Frustriert überließen die russischen Forscher den USA das Feld, um erst 1987 wieder zwei Raumsonden zum Mars zu schicken. Zu dieser Zeit hatte zwischen den beiden Machtblöcken ein politisches Tauwetter eingesetzt, so dass sowohl sowjetische Mars- als auch Venussonden mit Messgeräten aus dem Westen ausgerüstet wurden. Leider war den Missionen Phobos-1 und -2 ebenfalls das Schicksal nicht gewogen. Phobos-1 fiel schon beim Hinflug zum Mars aus, während die Schwestersonde immerhin in eine Umlaufbahn um den Roten Planeten eintrat. Sie übermittelte einige attraktive Bilder vom Mars und seinem inneren Mond Phobos, bis sie beim finalen Anflug auf den Trabanten durch einen Fehler in der Computersteuerung ausfiel.

Sehr viel besser erging es den 1985 gestarteten Sonden Vega-1 und -2, die erfolgreich je eine Landesonde auf der Venus absetzten, während die Muttersonden danach am Kometen Halley vorbeiflogen und erste Bilder seines Kerns zur Erde funkten.

Mit dem Zerfall der Sowjetunion im Jahre 1991 endete diese fruchtbare Periode der Planetenforschung abrupt, ein letztes Aufbäumen war der Start der Sonde Mars 96, die aber noch nicht einmal den Erdorbit erreichte. Und nun ist der nach 15 Jahren erneute Anlauf zum Mars ebenso gescheitert, die Konsequenzen für die russische Raumfahrt sind noch nicht abzusehen.

Zu kritisieren an diesem Buch ist – wie so häufig bei Werken aus dem Springer-Verlag – die mäßige bis schlechte Reproduktion der Bilder, selbst von guten Vorlagen. Zudem sind manche Tabellen, die wohl ursprünglich farbig sein sollten, in schlecht sichtbaren Graustufen wiedergegeben, was das Bild dieses Werks trübt. Inhaltlich ist es jedoch uneingeschränkt zu empfehlen und dürfte über viele Jahre hinweg eine wichtige und verlässliche Informationsquelle über die russischsowjetische Planetenforschung bleiben.

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  • Quellen
Sterne und Weltraum 1/2012

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