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Gefangen im World Wide Web

Gebannt starrt Alexander Roth auf den Bildschirm seines Computers. Seit Stunden bereist der Jugendliche die virtuelle Welt eines Internetspiels, unfähig, sie zu verlassen. Diese Szene, vor einigen Jahren dargestellt in dem Film "A Gamer's Day", führte plastisch vor Augen, dass Computerspiele und Internet süchtig machen können – vor allem Jugendliche.

Davon gehen inzwischen auch viele Wissenschaftler aus. Kai Müller, Psychologe an der Universitätsmedizin Mainz, befasst sich seit Jahren mit Spielsucht und den Gefahren der Internetabhängigkeit. Sein Buch spricht sowohl Spezialisten als auch Betroffene an und verschafft einen umfassenden Überblick über das Thema. Es ist insgesamt gut verständlich und gelungen. Stellenweise lässt es jedoch ein wenig Anschaulichkeit vermissen, so fehlen ihm Erlebnisberichte von Betroffenen. Auch mehr Grafiken und eine stärkere Strukturierung des Textes hätten dem Werk gut getan.

Offenbar weiß man recht wenig über die Internetsucht. Ist sie tatsächlich eine Sucht, und überhaupt eine eigenständige Erkrankung? Müller formuliert vorsichtig: "Internetsucht stellt ein klinisch relevantes Phänomen mit Störungscharakter dar." Wahrscheinlich trete sie bei Patienten, die bereits unter anderen psychischen Störungen leiden, häufiger auf. Die Zahl der Betroffenen steige. Über die Details streiten die Fachleute jedoch. Eine Kontroverse, die politische Konsequenzen hat: Noch ist Internetsucht nicht offiziell als Erkrankung anerkannt, weshalb die Krankenkassen auch nicht für die Behandlung aufkommen.

Zwischen den Zeilen scheint Müllers eigene Meinung durch. Er beschreibt die Störung als "Sucht ohne Suchtmittel". Derzeit sei unklar, ob sie zu körperlichen Veränderungen führe. Dass dies alles recht unkonkret ist und sich vor allem kaum praktische Tipps daraus ableiten lassen, weiß der Autor. Er schreibt quasi entschuldigend: "Für psychologisches oder psychiatrisches Fachpersonal ist diese Debatte jedoch durchaus in vielen Punkten von Bedeutung. Und letztendlich ist es ja der Patient, der von einer akkuraten und störungsspezifischen Behandlung profitiert."

Wie bei anderen psychischen Störungen verschwimmt auch bei der Internetsucht die Grenze zwischen normal und krankhaft. Dies erschwert die Diagnostik. Viel Zeit im Web zu verbringen, ist für sich genommen noch kein hinreichendes Indiz für eine Abhängigkeit. Zunehmend mehr Zeit dafür aufzuwenden, gilt dagegen schon eher als bedenklich. Denn die Sucht entsteht, indem das Leben des Betroffenen mehr und mehr um die virtuelle Welt kreist, bis es schließlich völlig ihr eingenommen wird. Ohne Stimulus kommt es dann zu Entzugserscheinungen.

Internetsucht kann schlimme Folgen haben, darunter Leistungseinbußen, finanzielle Schwierigkeiten, soziale Probleme und Gesundheitsverfall. Ein Teufelskreis entsteht: Je schlechter sich der Kranke im wirklichen Leben fühlt, umso stärker ist sein Verlangen, in die virtuellen Weiten zu fliehen. Man darf die Abhängigkeit daher möglichst nicht erst aufkommen lassen. "Ein PC hat vor dem zehnten Lebensjahr nichts im Kinderzimmer zu suchen!", plädiert Müller in dem Zusammenhang. Doch diese Ansicht teilen nicht alle Wissenschaftler. Die spielerische Beschäftigung von Kindern mit ihrer Umgebung, auch mit elektronischen Geräten, sei natürlich, meint etwa Jürgen Fritz, ehemaliger Leiter des Forschungsschwerpunkts "Wirkung virtueller Welten" an der Fachhochschule Köln. In einer zunehmend von Medien geprägten Welt seien virtuelle Erlebnisse wichtig für die persönliche Entwicklung.

Offenbar gehört mehr zum Entstehen einer Internetabhängigkeit als ein PC im Kinderzimmer. Besonderes Augenmerk verdient ein Persönlichkeitsmerkmal, das Psychologen als Neurotizismus bezeichnen (abgeleitet von Neurose). Menschen mit dieser Eigenschaft sind emotional instabil und tendenziell ängstlich, launisch, empfindlich, depressiv und reizbar. Sie haben sich als äußerst suchtgefährdet erwiesen.

Derzeit gibt es keine Therapiestandards. Ziel sollte laut Müller sein, die Betroffenen wieder zu befähigen, ihren Medienkonsum zu kontrollieren. Von Vorteil für die Behandlung sei es, dass Internetsucht nicht von heute auf morgen auftrete. Sie entwickle sich über Monate hinweg. So früh wie möglich sollten die Angehörigen das Gespräch mit dem Betroffenen suchen – und zwar nicht in Form einer Konfrontation, sondern als Dialog. Hilfe gibt es dem Autor zufolge bei Erziehungsberatungsstellen, Selbsthilfegruppen, Spezialambulanzen oder telefonischen Hotlines. Entsprechende Kontaktdaten führt Müller in dem Buch auf.

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