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Tobendes Stadtleben

Wer hätte das gedacht? Über 600 verschiedene Tierarten tummeln sich in unseren Städten, einem Lebensraum, der bisher als naturfern galt und daher im öffentlichen Bewusstsein kaum Beachtung fand. Erst in den letzten Jahrzehnten durchgeführte Studien zeigen: Die Artenvielfalt ist gerade im vom Menschen geprägten Siedlungsraum enorm. Auch die Artenzusammensetzung ist erstaunlich: Neben den vermuteten, eher trivialen Arten finden vor allem zahlreiche seltene und gefährdete Tiere in der urbanen Umgebung ein Refugium, das ihnen Wohnraum und Nahrung bietet.

Der handliche Band "Stadtfauna" basiert auf einer bereits 2010 im Berner Haupt Verlag zum Jahr der Biologischen Vielfalt erschienenen, international beachteten Publikation über die Züricher Stadtfauna. Diesmal wollen die Herausgeber Stefan Ineichen, Max Ruckstuhl und Bernhard Klausnitzer – allesamt Biologen – mehr: Sie widmen sich der urbanen Fauna in ganz Mitteleuropa. Ein hoher Anspruch, sind doch gravierende regionale, historische und klimatische Unterschiede zu beachten.

Im ersten, etwa 40-seitigen Teil, wird unter dem Gesichtspunkt der Entwicklung von der Altstadt zur Großstadt eine spannende Geschichte der städtischen Fauna aufgerollt. Wir lernen, dass Städte durch ihre hohe Versiegelung gegenüber dem Freiland ein besonderes Klima aufweisen, das vor allem die Ausbreitung wärmeliebender, mediterraner Arten fördert. Und dass unsere Städte heutzutage von so genannten Neozoen, Einwanderern aus aller Welt, bevölkert werden. Noch mehr als in der freien Landschaft spielt die Zerschneidung und Vernetzung städtischer Habitate eine entscheidende Rolle. In Städten existieren Gärten, Parks und Gebäude dicht nebeneinander, Bahn- und Industrieareale wechseln sich mit Blumenwiesen ab, Stadtwälder werden von Gewässern durchzogen. Von dieser Heterogenität der Lebensräume auf engem Raum profitiert die Artenvielfalt erheblich. Insekten stellen dabei erwartungsgemäß die größte Gruppe.

Der zweite Teil, etwas mehr als 350 Seiten, ist ein systematisch sehr gut aufbereiteter Naturführer. Die vorgestellte Auswahl – vom Süßwasserschwamm bis zur Fledermaus – umfasst viele in mitteleuropäischen Städten verbreitete, typisch urbane Tierarten, aber auch spezielle und sogar nur lokal vorhandene Spezies. Selbst unscheinbare und daher kaum bekannte Gruppen wie Moos und Bärtierchen, Nesseltiere und Würmer finden ihren Platz in dem umfangreichen Nachschlagewerk. Die mit Farbfotos illustrierten, von mehr als zwei Dutzend spezialisierten Fachleuten verfassten, halbseitigen Artporträts geben hinreichend Auskunft über Lebensweise und Verbreitung. Bekannte Tiergruppen wie Tagfalter, Reptilien, Vögel und Säugetiere sind ausführlich dargestellt. Käfer, Flöhe, Spinnen und andere sind durch einige repräsentative oder besondere Arten vertreten. Außerdem werden auch Wald- und Grünlandarten beschrieben, die sowohl innerstädtisch als auch in Stadtrandlagen auftreten. Ebenso berücksichtigten die Herausgeber zahlreiche Vertreter der Süßwasserfauna.

Der dritte Teil mit etwa 20 Seiten beinhaltet ein Glossar, erfreulicherweise nach Tiergruppen sortierte Literaturangaben, weiterführende Links, einen Bildnachweis, ein Verzeichnis der beteiligten Autoren und Register sowohl der deutschen als auch der lateinischen Artnamen. Das in der "Stadtfauna" vereinigte Wissen stellt einen hoch interessanten und bisher einmaligen Überblick über die urbane Fauna in Mitteleuropa dar und hilft, sich im "Stadtdschungel" mit seinen unbekannten tierischen Bewohnern zurechtzufinden. Die große natürliche Vielfalt und den Wert der Biodiversität stärker ins öffentliche Bewusstsein zu rücken, scheint vollauf gelungen.

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  • Quellen
Spektrum.de

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