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Wie wir psychologisiert werden

Meistens wird das 20. Jahrhundert als das Jahrhundert der Physik – versinnbildlicht durch die schrecklichen Atombombenabwürfe auf Hiroshima und Nagasaki – oder als das Jahrhundert der Biologie, in dem das Geheimnis des Lebenscodes gelüftet wurde, bezeichnet.Miriam Gebhardt sieht das vergangene Jahrhundert hingegen hauptsächlich als ein Jahrhundert der Psychologie an, in welchem verschiedene Richtungen und Schulen die Psychologie und immer mehr auch die Gesellschaft als Ganzes beeinflusst – oder gar gesteuert – haben.Genau das will sie denn auch Stück für Stück dokumentieren. Dabei ist es ein kaum zu überschätzener Vorteil, dass die Autorin eben nicht dem Fachgebiet der Psychologie entstammt, sondern als Wissenschaftshistorikerin tätig ist. So will sie nicht von einer bestimmten Schule – beispielsweise der Freudschen Spielrichtung der Psychoanalyse – überzeugen oder diese kritisieren. Den bedeutenden Richtungen wird ungefähr gleich viel Platz zur Verfügung gestellt.Ohne hier auf ein Kapitel dem anderen einzugehen, möchte ich doch das grosse Thema des "psychologischen Abmessens des Menschen" besonders hervorheben. Das Kapitel über die Psychometrie – ein an anderen Orten vor allem in Hinblick auf die historischen Hintergründe allzu häufig vernachlässigtes Thema – muss als spritzigster Teil des Buches besonders hervorgehoben werden.Der Stil ist durchwegs ansprechend, die Sprache klar und passend. Es handelt sich insgesamt um ein lockeres und anspruchsvolles Sachbuch, bei dem Ernsthaftigkeit und gelegentliches Schmunzeln problemlos miteinander einhergehen. Während aber die Anmerkungen auf eine Vielzahl weiterer Quellen verweisen und die lange Liste der Literaturempfehlungen gleichzeitig von der guten und ausführlichen Recherche der Autorin zeugen, ist der fehlende Index doch ein grosses Manko. Denn eigentlich würde sich das Buch sogar als kleines Psychologie-Lexikon im heimischen Bücherregal nicht schlecht machen.Wer sich schon lange eine etwas "unpsychologisierte" Sicht auf die Psychologie gewünscht hat, der dürfte mit dem kurzweiligen Buch von Frau Gebhardt hervorragend bedient sein.

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