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Das abenteuerliche Leben der Honigbienen

Es gibt gute Gründe, Kindern die Biologie der Honigbiene frühzeitig nahezubringen. Unzweifelhaft ist das Thema von großer ökologischer und wirtschaftlicher Bedeutung, auch wenn Honig heute nicht mehr das einzige Süßungsmittel ist. Manche Kinder können die Imkerei auch in der eigenen Familie erleben, denn mehr als 80 Prozent der Imker in Deutschland betreiben ihr Geschäft nebenberuflich und sind von dem großräumigen Bienensterben der letzten Jahre unmittelbar betroffen. Vor allem aber verfügen Kinder gerade im Grundschulalter über große Neugier und gute Beobachtungsgabe, so dass schon in diesem Alter die Basis für das Verständnis biologischer Zusammenhänge gelegt werden kann – so es denn kindgemäß präsentiert wird.

In dieser Hinsicht hat Vera Trachmann ein wahres Musterstück vorgelegt. "Summs und die Honigbienen" ist weder ein trockenes Sachbuch noch ein Märchen nach dem Vorbild der "Biene Maja"; aber es steckt voller spannender Geschichten, und zwar aus dem echten, abenteuerlichen Leben jeder Honigbiene. Aus der Sicht der Biene Summs können die Kinder das Leben einer Honigbiene über ein ganzes Jahr verfolgen, von der Ablage eines Eis durch die Bienenkönigin im Frühjahr bis zur Winterruhe des Bienenvolks. Summs berichtet über ihre wechselnden Aufgaben im Stock, von ihrer Arbeit als Putz-, Ammen- und Wächterbiene bis hin zur Sammlerin und Kundschafterin. Auch auf den Hochzeitsflug einer jungen Königin nimmt uns die Erzählerin mit und berichtet zum Schluss von der Kooperation zwischen Imker und Bienenvolk.

Damit ein Kind sich mit der erzählenden Biene identifizieren kann, sind gewisse Vermenschlichungen nicht zu vermeiden. So wird das Leben im Bienenstock mit dem von Familien in einem Mehrfamilienhaus und ihren täglichen Arbeiten verglichen. Schön und sogar biologisch korrekt ist die Beschreibung, wie Summs versucht, für ihre Aufgabe als Wächterbiene so richtig gefährlich auszusehen, oder wie sie sich auf ihre erste Landung am Stock vorbereitet, um sich nicht mit einer Bruchlandung zu blamieren. Manchmal schummelt sie auch bei ihrer Erzählung ein bisschen, um sich selbst in ein gutes Licht zu setzen, wird dann aber von einem mahnenden Zwischenkommentar auf den Boden der Tatsachen zurückgeholt.

Eingestreut in den erzählenden Text finden sich Kästen, die das Handeln der Bienen biologisch erklären. Einen solchen Kasten hätte ich mir auch in dem wichtigen Kapitel zum Stechen zu Beginn des Buchs gewünscht: zur Wirkung des Bienengifts.

Sehr schöne Fotos unterstützen die Erzählungen. Vermisst habe ich hier nur das Foto einer Biene beim Tanz, die von den sie umgebenden Bienen mit den Fühlern verfolgt wird.

Das Buch ist hervorragend zur Unterstützung des Sachkundeunterrichts in der Grundschule geeignet. Immer wieder stellt Summs nach einer längeren Erzählung Fragen, mit denen die Lehrerin den soeben gebrachten Stoff abprüfen kann. Auch wenn eine Schule bei diesem Preis schwerlich einen ganzen Klassensatz anschaffen wird, kann man es im Unterricht mit wenigen Exemplaren durch Vorlesen und auch "Nachspielen" einzelner Episoden didaktisch geschickt einsetzen. Die Zweisprachigkeit des Buchs – auf jeder Seite stehen sich deutscher und englischer Text gegenüber – macht das Buch besonders geeignet für den Einsatz in Schulen, die Englisch als Fremdsprache vermitteln.

An manchen Stellen schießt das – zweifellos notwendige – Bemühen um kindgerechte Vereinfachung über das Ziel hinaus. Ausgerechnet der Würzburger Bienenforscher Jürgen Tautz, der es besser wissen müsste, behauptet im Vorwort, dass es ohne Blüten keine Bienen und ohne Bienen keine Blüten gäbe. Auch wenn bei uns heute etwa 84 Prozent aller Blütenpflanzen von Bienen befruchtet werden, können auch andere Insekten und sogar Vögel und Fledertiere als Bestäuber dienen, und die entwicklungsgeschichtlich ersten Tiere, die solches taten, waren wahrscheinlich Pollen fressende Käfer. Ohne die Koevolution mit der Biene würden die Blüten wohl anders aussehen – aber es gäbe sie bestimmt dennoch. Und auch die Albert Einstein zugeschriebene Aussage "keine Bienen mehr, keine Bestäubung mehr, keine Pflanzen mehr" würde nur auf Blütenpflanzen zutreffen und verschleiert obendrein die Tatsache, dass das wichtigste Grundnahrungsmittel des Menschen, das Getreide, vom Wind bestäubt wird.

Natürlich gibt es auch kleine Unstimmigkeiten innerhalb der Texte: So kann Süßes auch von der Biene nicht über weite Entfernungen "gerochen" werden; und der Text spricht von "Blütenstaub und Pollen", als ob das zweierlei wäre.

Solche kleinen Schnitzer tun der Qualität des Buchs insgesamt jedoch keinen Abbruch. Hier wird für Kinder im Grundschulalter biologisches Wissen auf unterhaltsame und spannende Weise vermittelt – und sicher werden auch manche Eltern davon profitieren.

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  • Quellen
Spektrum der Wissenschaft, 05/2009

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