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Technologien im Zeitgewand

Gibt es einen typisch deutschen Weg in der Entwicklung der Technik? Joachim Radkau, Professor für Neuere Geschichte, insbesondere Technikgeschichte, an der Universität Bielefeld, antwortet mit einem klaren Ja. Typisch deutsch sei, dass es hier zu Lande Technisierung um jeden Preis nie gegeben habe.

"Nie" ist vielleicht ein bisschen übertrieben. Auch in Deutschland sehen viele Leute Anlass, über die "Technikverliebtheit der Ingenieure" oder "Überingenieurisierung" zu klagen, ganz zu schweigen von der Hilflosigkeit, die Otto Normalverbraucher bei der Programmierung elektronischer Konsumgüter, auch deutscher Markenprodukte, überfällt. Gleichwohl hat Radkau damit einen entscheidenden Wesenszug der deutschen Technik herausgearbeitet.

In seinem Buch tritt er für die "vernünftige Langsamkeit" des technischen Fortschritts ein, wodurch auch die Bedürfnisse von Mensch und Umwelt besser berücksichtigt würden. Voller Zustimmung zitiert er den britischen Historiker Arthur Shadwell, der 1908 beim Vergleich der industriellen Leistungsfähigkeit von England, Deutschland und Amerika resümierte: "Die Deutschen sind langsam, zielbewusst, sorgfältig, methodisch gründlich in ihrer Arbeit [...] Sie sind kein unternehmendes und abenteuerliches Volk,[...] sie brauchen Zeit zum Nachdenken und Handeln; sie brauchen ihre Regelmäßigkeit, ihre gewohnte Umgebung, ihren vorgezeichneten Weg. Aber sie haben eine unerreichte Fähigkeit darin, den richtigen Weg herauszufinden und ihn unbeirrt zu verfolgen." Tugenden, die man heute den Japanern, Koreanern oder Chinesen zuschreibt.

Nicht der so genannte "First Mover" setze eine neue Technologie durch; zum Sieger im Wettbewerb würden die "Fast Followers", Unternehmen, die aus den Rückschlägen der Erstentwicklung lernen und das Produkt ohne Geburtsfehler und Kinderkrankheiten in Serie bringen. Auf diese Art ist Deutschland Exportweltmeister geworden.

Dass die heutige Krise diesen Status relativiert, konnte Radkau natürlich nicht voraussehen. Aber dass zu viel Euphorie und "Hypes" genauso wie zu starker Pessimismus ("Technikfeindlichkeit") dem Fortschritt nicht zuträglich sind, daran lässt er keinen Zweifel. Am Beispiel der geplatzten Dotcom-Spekulationsblase vom März 2000 kritisiert er die unreflektierte Übernahme »modischer« Technologien, die von Management-Theoretikern und -Praktikern herbeigeredet und von ganzen Herden wiederholt werden. Indem er sich eine ganze Reihe berühmt-berüchtigter Konzernlenker vorknöpft, darunter die Daimler-Bosse Reuter und Schrempp, avanciert er unbeabsichtigt zum Propheten der aktuellen Finanz- und Wirtschaftskrise. Als hätte er es geahnt, kriegen auch Spitzfindigkeiten wie "Technologiekonzern", "globales Unternehmen" oder "Shareholder Value" ihr Fett weg.

Erstmals hatte der Autor das Ergebnis seiner langjährigen Studien 1989 unter gleichem Titel als Taschenbuch vorgelegt. Die Öffnung des Eisernen Vorhangs bescherte Radkau über Nacht ein neues Studienfeld, das der jüngsten Ausgabe zu einem zusätzlichen Kapitel "Deutsche Wege und Sackgassen in der Technikgeschichte der DDR" verholfen hat. Mit einer überwältigenden Materialfülle, zwei zusätzlichen Kapiteln, in denen der Historiker seine eigene Rolle reflektiert, sowie Register und Literaturhinweisen, die rund ein Fünftel des Bands ausmachen, ist "Technik in Deutschland" zu einem wahren Monumentalwerk herangewachsen. Obwohl der Text flüssig ist und sich spannend liest, erschlägt einen die schiere Fülle an Information.

Nach einer Einführung und einigen grundsätzlichen Dingen behandelt das zweite Kapitel die Periode vom Beginn des 18. bis zur Mitte des 19. Jahrhunderts. Weil Energie und Rohstoffe weit über den Bedarf hinaus zur Verfügung stehen, werden die erstbesten Quellen genutzt, und das sind Wasser und Holz – regenerative Quellen. Deswegen bezeichnet Radkau diese Periode als "hölzernes Zeitalter". Sie wird dann allmählich verdrängt durch "Schnellfabrikation", die einhergeht mit "Ersparnis des Holzes und der Zeit (und der Löhne)".

Die bisher durch die Textilbranche geprägte Industrielandschaft mit ihren Handelsunternehmen profitiert gewaltig von den 1848er Reformen in Preußen, die beispielsweise das Aktienrecht und die Eisenbahn betreffen. Zum Ende des Jahrhunderts entstehen ganz neue Branchen: Maschinenbau, Chemie und Elektrotechnik, die von Techniker- Unternehmern geleitet werden: Borsig, Siemens, Duisberg oder Bosch. Dass Deutschland in dieser Zeit den Vorsprung Englands ein- und überholt, liegt in der typisch deutschen Verquickung von Banken und Industrieunternehmen; Beispiele sind Siemens und Rathenau. Die City of London interessierte sich nicht für Industrie und Technik.

Die Gründerjahre des national erstarkten Deutschlands mit seinen aufkeimenden Sicherheitsinteressen sind auch die Geburtsstunde der modernen Umweltpolitik. Die Dampfkesselüberwachungsvereine (DÜV) als Keimzellen des TÜV, Kläranlagen sowie Luft- und Wasserreinhaltung, Hygiene mit Arbeitsschutz und Arbeitssicherheit sind nur einige Antworten auf das von Behörden, Ingenieuren, Verbänden und Arbeiterklasse empfundene Umweltrisiko, das mit der technischen Entwicklung einherging.

Die nächste Periode wird durch die Weltkriege dominiert. Radkau macht die Besonderheiten der Vor-, Kriegs- und Nachkriegszeiten an Phänomenen wie Massenproduktion und Technisierung in allen Bereichen des Lebens fest, nicht ohne den großen Einfluss staatlicher Interessen zu thematisieren. Besonderes Augenmerk widmet er der damals im Weltmaßstab führenden deutschen Elektro- und Chemieindustrie sowie dem Automobilbau, der anfangs gar nicht die heute gewohnte übermächtige Stellung hatte. In der neu gegründeten Bundesrepublik führt der Ausbau der Straßeninfrastruktur zu einem Aufschwung der Autoindustrie par excellence – Sinnbild für das technologisch untermauerte deutsche Wirtschaftswunder. Selbstverständlich unterlässt der Verfasser es nicht, über Atomund Kernenergiepolitik sowie Aufstieg, Entwicklung, aber auch den Untergang ganzer Branchen zu schreiben.

Schließlich stellt Radkau in diesem Kapitel die Frage, wie es zur Humanisierung der Technik kommen kann. Ist sie Folge- oder Nebenprodukt des beständigen technischen Wandels oder notwendiger, radikaler Bruch mit der Hightech-Euphorie? Er sieht den Widerspruch zwischen Umweltschutz und betriebswirtschaftlicher Gewinnmaximierung, ist aber überzeugt, dass in der deutschen "Tugend der Langsamkeit" riesiges Potenzial steckt, um mit Hilfe von Politik und Öffentlichkeit diesen Widerspruch auszugleichen. Dass Deutschland auf diese Weise zum Pionier und führenden Umwelttechnikexporteur geworden ist, hätte Radkau ruhig als Argument ins Feld führen können.

"Gerade zur erfolgreichen Innovation braucht es Vorsicht und Erfahrung. Wer bedächtig die Mitte hält, bleibt oben, kommt voran und überlebt." Diese These kann man teilen oder nicht, eine fulminante Hinführung zu ihr ist das Werk allemal.

Radkau verbindet Einzelpersönlichkeiten mit Gesetzen, Politik mit Bildung, Erfindungen mit Banken und Finanzierung, untersucht die (innovationsfeindliche!) Rolle von Patenten, hat ein Auge auf die Arbeiterbewegung, verknüpft Nationales mit geopolitischem Geschehen, bemüht Erfolge, Unfälle, Ereignisse aus Zeitung, Kultur, Kunst und Literatur. Das ist wahre Multidisziplinarität! Es wäre nur zu wünschen, dass Radkau uns eine weitere Fortsetzung seiner hochspannenden Techniklektüre schenkt.

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  • Quellen
Spektrum der Wissenschaften 01/2010

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