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Schlaue Kerlchen

Wenn es um Intelligenz bei Tieren geht, kommt man an Kanzi praktisch nicht vorbei. Er ist unter den intelligenten Tieren ein absoluter Superstar, wenn man diese mittlerweile fast schon etwas abgenutzte Bezeichnung bemühen möchte. Kanzi gehört zu den Bonobos, deren allgemein ebenfalls recht hoher Bekanntheitsgrad von ihrer unkonventionellen Strategie des sexuellen Aktes als Konfliktlösungsstrategie herrührt. Und Kanzi beherrscht tatsächlich etwas Besonderes: Er kommuniziert mit Menschen über eine Art Computer mit verschiedenen Symbolen. So gibt es beispielsweise ein Symbol für Spielen, eines für den Gegenstand, eins für dessen Farbe und die Option, dass Kanzi keine Lust mehr hat.

Mit Kanzi beginnt Immanuel Birmelins Reise in die Welt der tierischen Intelligenz über 230 Seiten und 7 Kapitel. Während der Lektüre freute ich mich besonders auf das Kapitel "Umgang mit Tieren" und dort auf den Dialog in der Manege. Dort berichtet der Autor über eine Untersuchung, die er zusammen mit einer Wissenschaftlerin der Universität Münster durchgeführt hat: Werden Löwen durch das mobile Zirkusleben stärker gestresst als zum Beispiel in freier Wildbahn? Das lässt sich relativ leicht über die Menge des Stresshormons Cortisol feststellen.

Jetzt gab es dabei allerdings eine Hürde zu meistern. Bei Meerschweinchen und anderen für Leib und Leben ungefährlichen Tieren wird dafür Blut entnommen. Das geht auch bei Löwen – allerdings nur unter Narkose und diese brächte zu viele Risiken mit sich, weshalb sich Birmelin und seine Kollegen für den Speichel entschieden. Aber auch für diesen muss man ziemlich nah an die Tiere heran. Die Lösung brachte ein Tierlehrer, der sich mit seinen Tieren ziemlich gut verstand und sich daher traute. Er verwendete ein Tampon, welcher mit einer Substanz versehen war, die das Cortisol im Speichel binden sollte. Damit es auch tatsächlich etwas zum Aufsaugen gab, zeigte der Tierlehrer den Löwen erst ein Stück Fleisch und wischte dann mit dem Tampon durch die Löwenmäuler.

Das geschah an vier aufeinander folgenden Tagen in Monte Carlo, bevor sie sich auf den Weg nach München machten, wo sich die Aktion wiederholte. Die Proben wurden an der Uni Münster analysiert und zeigten, dass die Mengen des Cortisols sich vor und nach der Reise nicht wesentlich unterschieden und die Mengen sogar jener entsprächen, die bei Löwen in der Serengeti und im Ngorongoro-Krater gemessen wurden.

Das ist nur ein Beispiel von vielen, die sich im Buch finden. Die Mischung aus der Beschreibung seiner Experimente, um den geistigen Fähigkeiten der Tiere auf die Spur zu kommen und den histologischen und physiologischen Grundlagen zu Nerven oder auch dem ganzen Gehirn lesen sich sehr flüssig und sollten auch fachliche Laien während der Lektüre nicht überfordern. Nach Meinung Birmelins wichtige Aussagen oder Definitionen werden kursiv und etwas abgesetzt dargestellt und werden so nicht so leicht überlesen.

Nahezu liebenswürdig wird das Buch aber durch seine vielen kleinen Geschichten. Sei es nun, dass Birmelin durch beiläufige eigene Beobachtungen seiner heimischen Vogelschar oder seiner Hündin Wisla auf neue Gedanken kam oder dass er die Geschichte eines verirrten jungen Sperlings erzählt, der sich inmitten der Schimpansengruppe des Baseler Zoos wiederfand. Schimpansen essen durchaus auch Fleisch. Das hätte also auch das Ende des kleinen Vogels sein können. Nicht so in dieser Gruppe, wo der Piepmatz aufgesammelt und vorsichtig von allen gehalten wurde, bis ihn dann jemand einem Pfleger übergab. Und dann ist da noch die Geschichte vom kleinen Gorilla-Kind in freier Wildbahn. Was es damit auf sich hat, sollte der Leser allerdings selbst herausfinden. Es lohnt sich!

15. KW 2012

Dieser Artikel ist enthalten in Spektrum - Die Woche, 15. KW 2012

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  • Quellen
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