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Der Amazonas aus Afrika

Als Alexander von Humboldt auf seiner abenteuerlichen Suche nach den Quellen des Amazonas bis Peru vorgestoßen war, erlebte er eine große Überraschung: Mitten im peruanischen Regenwald verkauften Fischer auf dem Markt der Stadt Iquitos frische Haie, Rochen und Sardinen – 4000 Kilometer entfernt vom Atlantik, und vom Pazifik getrennt durch die unüberwindlichen Anden.

Tatsächlich stammten die Fische auch nicht aus dem Meer, sondern wurden im Amazonas und seinen Nebenflüssen gefangen. Womöglich hatte der große Gelehrte schon damals eine leichte Ahnung, wie es zu diesem scheinbar wundersamen Auftreten typischer Ozeanbewohner fernab der Küste kommen konnte. Richtig Licht ins Dunkel kam allerdings erst durch Forschungsarbeiten der letzten Jahre.

Denn tatsächlich floss der große südamerikanische Strom einst in die umgekehrte Richtung, wie verschiedene geologische und biologische Besonderheiten belegen. Diesen Zeugnissen reiste nun Sepp Friedhuber nach und dokumentierte sie mit spannenden Erzählungen und eindrücklichen Bildern in seinem Buch "Uramazonas. Fluss aus der Sahara".

Zusammen mit verschiedenen Wissenschaftler machte er sich auf die Suche nach der Quelle des Uramazonas, der vor Äonen im Bereich des heutigen Tschad entsprungen sein mag. Die Expedition beginnt vor 200 Millionen Jahren in Pangäa, dem Riesenkontinent, in dem damals fast alle Landmassen der Erde vereint waren und wo sich das Uramazonasbecken langsam zu bilden begann.

Mit dem Zerfall Pangäas und der Entstehung Gondwanas – dem Südkontinent aus Südamerika, Afrika, Indien, Australien und der Antarktis – entwickelte sich ein Grabensystem, dem der damalige Amazonas schließlich von Ost (Afrika) nach West (Südamerika) folgte. Damals bildete der Strom mit 14 000 Kilometer Länge von der Quelle bis zur Mündung einen der gewaltigsten Flüsse der Erde – zum Vergleich: Der Nil ist gerade einmal halb so lang. Aus dieser Zeit stammen viele Fossilien und Gesteinsablagerungen, die das Team auf ihrer Suche nach Antworten untersucht und beschreibt – stets garniert mit zahlreichen Bildern und Karten.

Als auch Gondwana sich teilt und Südamerika sich von seinem afrikanischen Partner trennt, zerreißt es den Uramazonas. Seinem Lauf bleibt er dennoch treu, nur entspringt er nun im Hochland von Guayana und strömt zum Pazifik. Das erklärt auch die exotischen Meeresfische von Iquitos, deren nächste Verwandte tatsächlich jenseits der Anden im Meer leben und von denen sie durch die Gebirgsbildung isoliert wurden. Sie passten sich in der Folge ebenso an das Süßwasser an wie die eigentümlichen rosa Flussdelfine des Amazonas, die ursprünglich ebenfalls aus dem Pazifik einwanderten.

Erst vor 10 bis 15 Millionen Jahren, als sich die Anden auffalteten, kehrte sich die Fließrichtung des Amazonas um – vorerst allerdings nicht vollständig: Denn gleichzeitig wuchs im Zentrum des Beckens ein Mittelgebirge empor, das den Flusslauf teilte. Auf seiner Ostseite strömte der Amazonas schon gen Atlantik, auf seiner Westseite trafen von den Anden kommende Flüsse auf zurückfließendes Wasser- riesige Binnenseen entstanden.

Erst nach weiteren fünf Millionen Jahre hatten sich die aufgestauten Flüsse durch ihr Hindernis gegraben und sich mit dem Teilamazonas von der anderen Seite vereinigt. Ab da bildete sich das Flussnetz aus, das vollständig das Amazonasbecken von West nach Ost entwässert.

Die Mannschaft um Friedhuber wendet sich an diesem Punkt der Ur-Quelle zu, die Forscher in einem engen Tal des Ennedi-Gebirges mitten in der Sahara im heutigen Tschad vermuten. Wegen ihrer abgeschiedenen Lage und der gefährlichen politischen Lage in diesem Gebiet ist sie nur schwer zu erreichen. Dennoch gelingt es den Forschern, bis tief in das Tibesti und das Ennedi-Gebirge vorzustoßen, wo sie zahlreiche Entdeckungen machen.

So gelingen ihnen Aufnahmen der letzten Wüstenkrokodile der Sahara, sie dokumentieren steinzeitliche Felszeichnungen und Artefakte und erklären darüber die wechselhafte Vergangenheit dieser großen Wüste. Denn die Sahara war nicht immer so öd wie heute, sondern beheimatete einst eine reiche Tier- und Pflanzenwelt, von der zahlreiche Völker profitierten. Und noch heute nährt ihr Staub den artenreichen Regenwald am Amazonas.

Neben diesen Natur-Geschichten finden die Wissenschaftler Belege für die These, der Amazonas sei einst wirklich in der Sahara entsprungen. Den letzten Beweis werden aber wohl erst die Bohrungsergebnisse von Ölfirmen erbringen, die aus politischen Gründen jedoch bislang unter Verschluss gehalten werden.

"Uramazonas" ist ein spannendes Buch – nicht nur für Geowissenschaftler. Selbst wer nicht in geologische Details eintauchen möchte, dem bieten die zahlreichen Fotos einen hervorragenden Einblick in Regenwald und Wüste. Und die alte Quelle des Stroms? So wie es aussieht blieben nur einige größere Tümpel vom früheren Nass – immerhin tränken sie noch heute Kamele und ihre Hirten.
28.03.2007

Dieser Artikel ist enthalten in Spektrum - Die Woche, 28.03.2007

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