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Erwartungen an den Vater

Bücher über Väter werden zunehmend populär. Und zum Glück ist es auch in der Wissenschaft nicht mehr üblich, kindliche Entwicklung und familiäre Prozesse primär über die Mutter zu definieren. Doch gibt es in der Forschung einiges nachzuholen, denn vieles über Väter wurde bisher lediglich spärlich untersucht. Ein zentraler Punkt dabei ist die Frage nach den "Erwartungen" an die Vaterrolle. Welchen Ansprüchen kann – und muss – ein Vater genügen?

Dieser Frage widmet sich das neue von Heinz Walter herausgegebene Buch "Vater, wer bist du?", bereits sein zweites zum Thema (nach "Männer als Väter" von 2002). Der Psychoanalytiker und Professor für Psychologie an der Universität Konstanz hat einiges zusammengetragen und lässt viele Autoren zu den Belangen von Vätern in verschiedenen Lebenslagen zu Wort kommen. Dabei gibt der Untertitel bereits die Antwort auf die Frage nach den zumutbaren Erwartungen an die Väter: Gesucht wird der "hinreichend gute" Vater – angelehnt an das bekanntere Konzept der "hinreichend guten Mutter" des Psychoanalytikers Winnicott, das bewusst von überidealisierten Vorstellungen Abstand nimmt.

Diese Definition kommt genau zur richtigen Zeit und ist wichtiger, als es vielleicht im ersten Augenblick scheinen mag. Denn in der aktuellen Debatte um Fremdbetreuung von Kindern, um Elternzeit beider Geschlechter und Vaterschaftstests ist es hilfreich, Männer vor überzogenen Erwartungen und unwissenschaftlichen medialen Forderungen zu schützen.

Es gilt zu betonen, dass ein "hinreichend guter Vater" für eine gute Entwicklung der Kinder ausreicht. Nun kann über dieses Thema sicherlich noch viel gestritten werden – das vorliegende Buch könnte diese Diskussion anstoßen.

Walter stellt in seinem Buch die Fassetten möglicher Väterrollen und -modelle in zehn Kapiteln vor. Hier beschreibt er unter anderem den "fantasierten" Vater, den "präsenten", den "rettenden" oder auch den "tragischen" Vater. Hinter diesen merkwürdigen Überschriften verbergen sich beispielsweise egalitäre, psychisch kranke oder vollständig abwesende Väter.

Besonderes Gewicht legt der Autor in den meisten Kapiteln mit psychoanalytisch orientiertem Blick auf die "Funktion" dieser Vatertypen, oft illustriert mit entsprechenden Fallbeispielen.

Aber auch praktische Anregungen zur pädagogischen Arbeit mit Vätern finden hier Raum, konkret am Beispiel von "Werkstätten der Väterarbeit" in Deutschland und der Schweiz sowie der video-gestützten Marte-Meo-Methode, die die Kommunikation zwischen Kindern und Erziehenden verbessern soll.

Was fehlt? Erfreulicherweise nicht viel: Ein wenig mehr Biologie als Hintergrund vielleicht, die uns weitere Hinweise auf Chancen und Grenzen väterlichen Engagements geben könnte. Auch ein geweiteter Blick auf (inter-)kulturelle Faktoren könnte sicherlich nicht schaden, um einen noch breiteren Horizont aufzuspannen. Damit bliebe also Spielraum für ein weiteres Vaterbuch. Die Zeit ist jedenfalls günstig dafür.
  • Quellen
Gehirn&Geist – Serie Kindesentwicklung 2 ("Was Kleinkinder brauchen")

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