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Fehlerhafter Pharao

Endlich!, möchte der verzweifelte Rezensent ausrufen. Endlich ein Buch aus dem auf archäologische Themen spezialisierten Verlagshaus Theiss, bei dem sich der Leser nicht durch schwer verständliche, knochentrockene und vor Langeweile strotzende Ergüsse quälen muss, welche die Lektüre zur Tortur machen. Dirk Husemanns "Vaterschaftstest für Pharao" hebt sich von solchen Machwerken auf den ersten Blick wohltuend ab.

In der Tat birgt das Thema, das sich der Archäologe und Journalist gewählt hat, spannenden Unterhaltungsstoff. Indem er zeigt, mit welchen biologischen Methoden heutige Altertumsforscher die Rätsel der Vergangenheit entschlüsseln können, schlägt Husemann elegant eine Brücke zwischen zwei Wissenschaftsdisziplinen, die scheinbar wenig miteinander zu tun haben: Archäologie und Genetik.

Mit einer kurzen Einstieg in die Methoden der Gentechnik und Molekularbiologie beginnend, führt er uns zurück zu den Ursprüngen der Menschheit, stellt unseren Vetter aus dem Neandertal vor und nimmt uns mit auf die Reise des Homo sapiens, der nach und nach den Planeten Erde eroberte. Vom Mordfall Ötzi geht es weiter zum pharaonischen Titelhelden – etwas unmotiviert gefolgt von einem Abstecher in die Zoologie – und endet schließlich mit archäologischen Streitfragen der Bibelforschung.

Und das Ganze ist auch noch gut zu lesen! Also alles bestens? Leider nein. Denn fachlich scheint sich Husemann etwas überhoben zu haben, und seine lockeren Formulieren geraten mitunter daneben, wie beispielsweise der Satz: "Die Gene eines Lebewesens liegen auf den Chromosomen und werden nach einem Muster aneinander gekoppelt, dass heute 'Crossing Over' heißt." Man ahnt, was der Autor meint – über Crossing Over können Chromosomen Gene miteinander austauschen –, doch natürlich werden die Erbfaktoren nicht über diesen Mechanismus auf den Chromosomen "aneinander gekoppelt".

Auch bei der Bemerkung "Ein Bakteriophage ist ein einfach zu durchschauender Organismus" packt jeden Biologen das Grausen, da der Lebensstatus von Viren und Phagen – vorsichtig formuliert – eher von zweifelhafter Natur ist. Und die ein paar Seiten weiter gelieferte Definition von Bakteriophagen ("Viren, die nur aus Protein und DNA" bestehen) ist genauso blanker Unsinn wie die einer Stammzelle ("Körperzellen, die sich teilen können").

Husemanns Vorstellungen über die Entdeckung der DNA-Doppelhelix kann man mit Wohlwollen nur als naiv bezeichnen: "Auf dem Foto war eine Doppelspirale zu erkennen." Wohl kaum. Die kristallografischen Röntgenbeugungsaufnahmen, von denen eine sogar abgebildet ist, erweisen sich doch eher als abstrakt. Und wenn der Autor eine Wasserstoffbrückenbindung in eine "Brücke aus Wasserstoff" verwandelt, weiß der geneigte Leser nicht, ob er lachen oder weinen soll. Dass das altehrwürdige britische Journal "Nature" zu einer "US-Zeitschrift" mutiert, gleicht Husemann damit aus, indem er James Watson die US-Staatsbürgerschaft nimmt und als Briten einbürgert.

Beim Weiterlesen erfahren wir, dass Aminosäuren aus einer "Kombination von drei Basen" zusammengesetzt sind, wir sind dabei, wie sich Enzyme "in die Gene des Menschen einnisten", und wir nehmen staunend zur Kenntnis, dass der Mensch sage und schreibe "3,1 Milliarden Gene" in seinem Erbgut trägt. Da diese Behauptung mehrfach im Buch auftaucht, scheint Husemann den Unterschied zwischen Genen – von denen es im menschlichen Erbgut schätzungsweise 20 000 bis 25 000 gibt – und Genbausteinen – mit tatsächlich etwa drei Milliarden Stück im Humangenom – nicht zu kennen.

Dass die Arten Homo sapiens und Homo neanderthalensis zu Gattungen befördert werden, nimmt kaum noch wunder. Zum Ausgleich tauchten laut Husemann am Ende der letzten Eiszeit menschliche "Unterarten" auf, und "Kaukasier" (man könnte auch europäische Weiße sagen) avancieren zur "Menschenart" – womit wohl nach Ansicht des Autors Japaner, Schwarzafrikaner oder amerikanische Indianer von einer anderen Art sind.

Apropos Art: Der Dinosaurier Tyrannosaurus rex muss ziemlich groß gewesen sein. So groß, dass auch der Artname nur mit einem Großbuchstaben als "Rex" auftreten darf. Dafür wird der Laus Pediculus generös ein zusätzlicher Buchstabe spendiert: "Pendiculus". Und was an einer Abkürzung wie H. pylori "liebevoll" sein soll, bleibt Husemanns Geheimnis.

Auch beim Homo floresiensis – jener erst kürzlich entdeckten kleinwüchsigen Menschenart – wirft der Autor einiges durcheinander: Der Zwerg hat sich kaum "vor 18 000 Jahren" auf der Insel Flores entwickelt – zu dieser Zeit starb er aus. Und die Diskussionen über diese Spezies haben leider wenig bis nichts mit der Out-of-Africa-These zu tun.

Die Lapsusreihe ließe sich endlos fortsetzen. Im Anhang wird es dann noch einmal richtig bitter, wenn das nationalsozialistische "Gesetz zur Verhütung erbkranken Nachwuchses" unter "Meilensteine der Genetik" firmiert.

Fazit: Es hätte ein schönes Buch werden können. Doch abermals hat der Theiss-Verlag darauf verzichtet, mit einem sorgfältigen Lektorat die gröbsten Schnitzer auszuräumen. Und dem Rezensenten bleibt nichts weiter übrig als zu geloben, so schnell nicht wieder ein Werk aus diesem Hause anzurühren.

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