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EVZI NUPT ODFL

EVZI NUPT ODFL LIXE SKAL BYGU CQWH – so lautet mein ungeschminktes Urteil über dieses Buch. Sie verstehen nur Bahnhof? Dann holen Sie bitte Ihre alte Enigma aus dem Keller und tippen den Kode ein. Wem das zu mühsam ist, der kann natürlich auch einfach weiter lesen.

Den meisten wird Rudolf Kippenhahn, emeritierter Professor für Astrophysik der Universität Göttingen, als Autor vieler naturwissenschaftlicher Bücher bekannt sein. So stellt sich gleich die Frage: Was haben Geheimschriften damit zu tun? Antwort: gar nichts. Wie der Autor im Vorwort offenbart, entsprang das Thema einer bereits in jungen Jahren verspürten Faszination – Sherlock Holmes war daran nicht unschuldig.

Diese Faszination überträgt sich auch auf den Leser, denn Kippenhahn gelingt es, ihn in spannende Geschichten über Geheimbünde, Intrigen und verschlüsselte Botschaften zu verwickeln. Da geht es um versunkene Signalbücher, drehbare Schablonen, einen obskuren Maskenmann, verquirlte Alphabete, komplizierte Räderwerke mit allerlei Lämpchen und vieles mehr. Die diversen Methoden der Ver- und Entschlüsselung, darunter die Suche nach den häufigsten Buchstaben, werden sorgfältig an Beispielen erläutert. Mit Bleistift und Papier kann man selbst ausprobieren wie es funktioniert.

Es ist schon erstaunlich, was sich bekannte und weniger bekannte (oft sogar verborgene) Personen über die Jahrhunderte ausgedacht haben, um geheime Informationen auszutauschen. Manchmal ging es nur um Liebschaften, oft aber um Krieg und Frieden. Die Geschichte der Kryptologie, wie das Fachgebiet heute heißt, ist letztlich so alt wie die Menschheit. Cäsars verschlüsselte Briefe an Cicero waren sicher nicht der Anfang. Ein zentrales Objekt des Buchs ist die berühmte Enigma aus dem Zweiten Weltkrieg. Wer glaubt, dass der mit dieser rätselhaften Maschine erzeugte Kode für Deutschlands Gegner nicht zu knacken war, wird hier eines besseren belehrt – Polen und Engländern ist es gelungen. Ohne geheime Dechiffrierabteilungen, besetzt mit klugen Köpfen wie Alan Turing, hätte der Krieg sicher länger gedauert. Die komplexe Aufgabe hat übrigens auch die Entwicklung des Computers wesentlich beeinflusst.

Auch heute ist das Thema Verschlüsselung von großer Bedeutung: Kippenhahn beschreibt ausführlich, wie Kreditkartendaten und Internetbanking gesichert werden. Man würde zunächst erwarten, dass beide Partner (Kunde und Bank) über den Schlüssel verfügen. Erstaunlicherweise funktioniert das aber als "Einwegfunktion", das heißt, nur der Kunde kennt das Passwort. War die Kryptologie früher eine Spielwiese für verschrobene Tüftler, so ist sie heute knallharte Mathematik. Wer sich auf Zahlentheorie (lange als brotlose Kunst verschrien) spezialisiert, kann damit richtig Geld verdienen. Der Goldesel hört auf den Namen "Primzahl". Viele moderne Verfahren setzen auf diese Atome der Mathematik – und damit auf den Faktor Zeit.

Der Grund dafür liegt in speziellen Schlüsselzahlen, die in der Regel mehr als 100 Stellen besitzen; sie sind aus zwei – langen – Primfaktoren zusammengesetzt. Wer diese "findet", hat den Kode so gut wie geknackt. Das Problem: Selbst der schnellste konventionelle Computer muss dafür bis zum Jüngsten Tag rechnen. So setzt der frustrierte Internetkriminelle all seine Hoffnung in den Quantencomputer (der so bald nicht kommen wird). Es geht natürlich auch schneller: Einfach am Bankautomaten die PIN ausspähen!

Das 416-seitige Taschenbuch bietet eine Fülle von Informationen. Mir scheint, dass nichts ausgelassen wurde. Allein das Inhaltsverzeichnis umfasst fünf Seiten. Im Anhang finden sich Literaturhinweise und ein ausführliches Register. Viele Grafiken, Schemata und Abbildungen lockern den Text auf; sogar auf eine digitale Enigma im Internet wird verwiesen. Es ist aber nicht nur der enorme Fleiß des Autors, der beeindruckt. Es sind vielmehr die vielen amüsanten Geschichten, die Eleganz der Darstellung sowie die Leichtigkeit und Verständlichkeit der Sprache. Kippenhahn schreibt Klartext – genau so muss man ein komplexes Fachgebiet präsentieren. Wer seine populärwissenschaftlichen Bücher kennt, hat natürlich nichts anderes erwartet. Am Ende verspürt man große Lust, selbst verschlüsselte Botschaften zu verschicken. Ich meine jetzt nicht stumpfsinnig verkürzte SMS-Texte, sondern intime Geheimnisse, die intelligent kodiert sind und nur den Empfänger etwas angehen. Methoden dazu gibt es genug. So, jetzt können Sie Ihre Enigma im Keller lassen!

30. KW 2012

Dieser Artikel ist enthalten in Spektrum - Die Woche, 30. KW 2012

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  • Quellen
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