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Gegen den stummen Frühling

"Im Grunde genommen könnten die Vögel sehr gut ohne uns leben, aber viele – vielleicht sogar alle – Menschen fänden das Leben wohl unvollständig oder gar unerträglich ohne die Vögel." Mit diesem Zitat von Roger Tory Peterson beginnt Daniel Lingenhöhl sein Buch "Vogelwelt im Wandel. Trends und Perspektiven" und gibt damit auch gleich Richtung und Ton des Werks vor. Einerseits haben viele Menschen ein besonderes Verhältnis zu den gefiederten Tieren, ihr Gesang gehört ganz offensichtlich zu unserer Welt. Mit ihrer Artenfülle, Schönheit und allgegenwärtigen Präsenz bilden sie mehr als ein beliebiges Stück des Biodiversitätskuchens. Und: Was wäre ein Leben ohne Vogelgesang? Wie und in welchem Ausmaß gefährden wir Menschen die Vögel? Ist gar ein stummer Frühling zu befürchten?

In neun jeweils etwa dreißig Seiten starken Kapiteln nimmt sich der Autor im Folgenden systematisch dieser beiden Themenfelder an. Zunächst porträtiert Lingenhöhl – promovierter Geograf und Wissenschaftsjournalist, der bereits einige ornithologische Exkursionen auf unterschiedlichen Kontinenten unternommen hat – die Vogelwelt Europas. Neben ortstreuen Standvögeln wie Meise und Amsel, beschreibt er ziehende Arten wie Rauchschwalbe und Seggenrohrsänger und erläutert anschließend Gründe und Mechanismen des Vogelzuges. Auf Neozoen, etwa den Halsbandsittich, geht er ebenso ein wie auf regional ausgestorbene Arten wie den Waldrapp. Schließlich reißt er kurz die Gründe für die Zu- beziehungsweise Abnahme einzelner Arten an (etwa die unterschiedliche Reaktion auf Forstwirtschaft, Bejagung, Verstädterung): Themenkomplexe, die in den anschließenden Kapiteln ausführlich behandelt werden.

Zunächst wird der Einfluss der industrialisierten Landwirtschaft beleuchtet, beispielsweise die Folgen von Massentierhaltung und Überdüngung, Pestizideinsatz, Flurbereinigung und Entwässerung, die besonders Wiesenbrüter, aber auch Steinkauz und Sperling bedrohen. Der Ökolandbau wird als hoffnungsvolle Alternative beschrieben, gleichzeitig übt Lingenhöhl scharfe Kritik an der unkritischen Biospritförderung (die in der Gesamtbilanz den Treibhauseffekt stärker vorantreibt als fossile Brennstoffe) und der nach wie vor an Intensivlandwirtschaft ausgerichteten EU-Agrarsubventionspolitik.

In den folgenden Kapiteln werden weitere Gefahrenquellen für die heimische Vogelfauna ausführlich unter die Lupe genommen Vergiftungen durch bei der Jagd eingesetzte Bleimunition, DDT und Nagergifte, auf artenarme Monokulturen beruhende Forstwirtschaft, intensiver Ski- und Wassertourismus. Besonders kritisch kommentiert Lingenhöhl die Zugvogeljagd, der jährlich nach wie vor bis zu 200 Millionen Tiere in teils archaischen Fallen zum Opfer fallen, vor allem in Frankreich, auf Malta, Zypern und dem Balkan.

Neben diesen offensichtlichen Gefahren lauern weitere, die sich schleichender vollziehen: Durch den Klimawandel ändern sich Zugrouten, Zugzeiten und die Verfügung von Insekten als Nahrungsressource. So geraten ganze Lebensgemeinschaften ins Wanken. Dazu kommt eine zunehmende Lichtverschmutzung durch Städte und künstliches Licht aller Art, das die Navigation der Tiere stört. Glasflächen und Strommasten fordern ebenfalls Opfer unter den Vögeln, wenngleich Abhilfe durch entsprechende Kennzeichnung oder Kunststoffabdeckungen leicht und kostengünstig wäre. Auch Katzen und Füchse dezimieren die Vogelpopulationen. Obwohl der Einfluss schwer einzuschätzen ist und oftmals genaue Zahlen fehlen, bilden die neun Millionen Katzen in Großbritannien beispielsweise eindeutig den größten tierischen Raubfeind der Vögel.

Doch Daniel Lingenhöhl gibt sich nicht mit der Aufzählung deprimierender Fakten zufrieden. Vielmehr wägt er ab, diskutiert Vor- und Nachteile aus unterschiedlichen Perspektiven und stellt immer wieder positive Entwicklungen, Erfolge von Naturschutzbemühungen und mögliche Strategien zum Vogelschutz heraus, ohne dabei wirtschaftliche Interessen leichtfertig zu ignorieren oder zu verteufeln. Das letzte Kapitel ist ganz diesem positiven Ausblick gewidmet und behandelt die Wiedereinbürgerungsversuche für Bartgeier und Waldrapp, die Etablierung von Großschutzgebieten und verbindenden Korridoren in ganz Europa, die biologisch und psychologisch hohe Bedeutung städtischer Grünanlagen und die Sensibilisierung für Umweltbelange bereits im Kindergartenalter. Anschließend findet der interessierte Leser im Anhang praktische Tipps zu vogelfreundlicher Garten- und Hausgestaltung, eine Adressensammlung wichtiger Naturschutzorganisationen sowie ein Glossar, Register und eine Liste der im Buch behandelten Arten.

"Vogelwelt im Wandel" ist ein wissenschaftlich faktenreiches, akribisch recherchiertes Buch: Jedes Kapitel verfügt über ein umfangreiches Literaturverzeichnis, dazu kommen zahlreiche Zitate und Fußnoten. Stellenweise ist der Text mit Jahresangaben und Zahlen gespickt. Dennoch ist das Buch nicht in trockenem Forscherjargon, sondern durchweg flüssig, verständlich, teils sogar augenzwinkernd geschrieben. Viele hochqualitative Fotos der behandelten Arten und beschriebenen Habitate lockern den Text zusätzlich auf. Der entscheidende Aspekt, der die Lektüre des Buches so leicht, ja mitreißend macht, ist allerdings die persönliche Begeisterung des Autors für die Ornithologie, zu der er sich bereits im Vorwort bekennt. Sie gibt dem Buch einen engagierten Ton, der beständig hinter den Fakten anklingt und Lust darauf macht, sich selbst für den Naturschutz einzusetzen und daran mitzuarbeiten, dass auch in der Zukunft Vogelgezwitscher zu unserem Frühling gehört.

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