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Zu viel gewollt

Der britische Erfolgsautor Douglas Adams ("Per Anhalter durch die Galaxis") hat es vorgemacht: ein Buch zu schreiben, dass quasi alles umfasst. Bei Adams heißt es schlicht "Das Leben, das Universum und der ganze Rest". Wollte Michael Köhler gleich mit seinem Erstlingswerk "Vom Urknall zum Cyberspace" auf gerade einmal 228 Seiten einen ähnlichen Rundumschlag präsentieren? Der Titel klingt jedenfalls danach und man ist entsprechend gespannt auf den Inhalt.

Der Autor ist Professor für Physikalische Chemie und Mikroreaktionstechnik an der Technischen Universität Ilmenau – das klingt nach viel Praxis. Wie im Klappentext zu lesen ist, geht es ihm um "fundamentale Prinzipien, die dem Funktionieren der Welt, wie wir sie kennen, zugrunde liegen". Was erfahren wir über diese Prinzipien und wie wirken sie sich in diesem gewaltigen Bogen vom Urknall zum Cyberspace aus? Es geht offenbar um nichts Geringeres als die "großen Fragen der Menschheit": Auf dem Plan steht ein "Parforceritt durch die Wissenschaftsgeschichte und eine Bestandsaufnahme über das Wissen über uns selbst".

Hält das Buch was es verspricht? Ja und nein. Jedenfalls hängt die Antwort eng mit der Frage zusammen, für wen es geschrieben ist: für den wissenschaftsinteressierten Laien, für Astronomen, Chemiker oder Biologen? Der Schwerpunkt liegt klar im Bereich der Biochemie. Lediglich in den ersten drei Kapiteln geht es um physikalische und astronomische Themen. Es folgen neun Kapitel über die Bildung von Molekülen, Zellen, Organismen bis hin zu Biozönosen (einem Lieblingsbegriff des Autors). Die beiden letzten Kapitel behandeln "Die kulturelle Revolution" und "Grundlegende offene Fragen" – eine Art Nachbrenner in Sachen Urknall, Leben und außerirdische Intelligenz.

Was auffällt sind die vielen Fremdwörter, die mangels Glossar beziehungsweise Stichwortverzeichnis mit zunehmender Seitenzahl zu einer echten Plage werden – jedenfalls für Nicht-Biochemiker. Die Fachbegriffe Vesikel, Amphiphile, Tandem-Duplikation, chalkophiler Festkörper, Endocytosymbiose oder heterotrope Ur-Eukariontenzelle sind nur einige Beispiele. Neben der besagten Biozönose (eine Gemeinschaft von Organismen in einem abgegrenzten Lebensraum) stößt man auf viel Unvertrautes – und verliert zunehmend den Überblick. Sicher ist auch ein deutsches Lehrbuch über Kosmologie für Biologen kein Zuckerschlecken. Der ambitionierte Rundumschlag endet jedenfalls oft im Klein-Klein und man hat Mühe, nicht den Faden zu verlieren, und der Wunsch einfach weiter zu blättern steigt.

Was die Art der Darstellung betrifft, so wird viel auf Schemata und Diagramme gesetzt. Dies ist sicher didaktisch sinnvoll, aber in vielen Fällen ist die Information doch stark komprimiert. Der straffe Text hilft da kaum weiter: zu viele "fundamentale Prinzipien" und zu wenig Prosa. Bilder fehlen übrigens völlig.

Lesern mit dem nötigen biochemischen Hintergrundwissen kann ich das Buch von Köhler durchaus empfehlen. Sie finden hier den geeigneten Rahmen – auch um das komplexe Thema "Leben" in die Chronologie des Universums einzuordnen. Für Physiker, Astronomen oder gar den wissenschaftsinteressierten Laien ist das Werk aber eher sperrige Kost. Für die vergleichsweise wenigen Informationen zur Astrophysik – vom Urknall zur Supernova – lohnt es sich jedenfalls nicht.

Und was ist mit dem Cyberspace? Ein solcher kybernetischer Raum wird leider nicht diskutiert. Als Ersatz verweist der Autor am Ende – nach einem trockenen Exkurs über die "Subjektunabhängige Tradierung von Schrift" und der "Direktionalität der Informationsübertragung" – nur kurz auf die "Noosphäre", in der die Menschheit hypothetisch zu einem Geist zusammenwächst.

Fazit: Gerne hätte man ein lockerer geschriebenes Buch gelesen, denn "die großen Fragen der Menschheit" sind zweifellos ein spannendes Thema. Leider ist nicht jeder Autor ein Douglas Adams.

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