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Spekulatives aus Gottes letztem Schlupfwinkel

Die Frage "Was war vor dem Urknall?" ist derzeit ziemlich angesagt. Jedenfalls lässt sich damit Geld verdienen, indem man ein populärwissenschaftliches Buch schreibt. Gegenfrage: Hat das Thema irgendeine physikalische Substanz oder wird hier nur fruchtlos spekuliert? Der Urknall ist ohnehin schon ein schwer zugängliches Phänomen, was soll also dann die Frage, was davor war?

Gespannt auf sinnreiche Antworten nimmt man also das neueste Werk von Brian Clegg, einem bekannten englischen Wissenschaftsautor, in die Hand. Nach 320 Seiten und 12 Kapiteln mit nur einer einzigen Grafik lautet mein Fazit: Selbst ein Leser, der bereits mit Kosmologie und Quantenphysik vertraut ist, wird – was die Ausgangsfrage angeht – kaum schlauer sein als vorher. Klar, das notwendige physikalische Grundwissen wird anschaulich präsentiert. Hier kaut der Autor alles durch, was irgendwie zum Thema passt: von der Dunklen Materie über Schwarze Löcher bis hin zu Inflation und Quantenverschränkung. Die wissenschaftliche Reise kurvt dabei über vielfach ausgetretenes Terrain. Dabei werden weite Bögen gespannt. Sowohl historisch – von den antiken Schöpfungsmythen zur modernen Kosmologie – als auch rückwärts in der Raum-Zeit: von der mikro- und makrophysikalischen Gegenwart zurück zum Urknall. Das hat man alles schon anderswo gelesen. Wenn aber der Autor schließlich Zeit und Raum auf Null setzt, beginnt laut Buchumschlag "eine unglaubliche Reise in die dunkelsten Tiefen der Vergangenheit und ein Blick in Gottes letzten Schlupfwinkel".

Ich kann Cleggs Euphorie leider nicht teilen. Für mich beginnt in diesen Regionen eine Art Schattenreich, das den Geist des Theoretikers zu wildesten Spekulationen anregt – ein erneuter Beweis für die chronische Krise der modernen Physik. Man kann sie nicht dadurch lösen, indem man sich in obskure Parallelwelten begibt. Keine Frage, es muss erlaubt sein, über den Tellerrand hinaus zu denken, so wie es einst die Bewohner der "Erdscheibe" vorgemacht haben. Die Sache endet für mich aber da, wo nur noch mit mathematischen Tricks gearbeitet wird. Diesen unseligen Pfad beschreitet seit geraumer Zeit die Stringtheorie, und jüngst hat sogar der angesehene Roger Penrose in seinem Buch "Zyklen der Zeit" ein Beispiel geliefert.

Dann kann man gleich mit Max Tegmark darüber spekulieren, ob nicht ein "mathematisches Multiversum" die oberste Stufe der Schöpfung sei. In dessen Parallelwelten sind alle möglichen Formeln Realität – also auch "Kraft = Masse mal Beschleunigung hoch Zehn". Was würde wohl der alte Newton dazu sagen? Was dagegen wirklich gefragt wäre, sind substanzielle Gedanken über das Wesen von Raum, Zeit und Materie im Hier und Jetzt. Theoretiker, für die das Wort "Experiment" ein Fremdwort ist, sollten aus den theoretischen Sackgassen lernen und sich lieber auf die vielen physikalischen Baustellen unseres Heimatuniversums konzentrieren. Brian Clegg gibt schmerzfrei zu, dass die Theorie des "Big Bang" mehr Fragen aufgeworfen, als beantwortet hat. Also bitte: Wo sind die Antworten?

Das Buch ist gut geschrieben, aber manchmal merkwürdig übersetzt und an vielen Stellen fehlerhaft. Penetrant ist der Pleonasmus "veränderliche Cepheiden" (S. 60ff), später ergänzt um "veränderliche RR-Lyrae-Sterne" (S. 89). Auf S. 62 findet man die Aussage, William Herschel hätte zwei Artikel "Über den Aufbau des Himmels" publiziert (S. 62), tatsächlich waren es fünf. Lord Rosses großer Reflektor wurde auch nicht "bis ins frühe 20. Jahrhundert hinein" verwendet (S. 65); er ging bereits 1878 außer Dienst. Auf S. 132 wird behauptet, dass "Kernkräfte zum Einsatz kommen, wenn ein negatives Elektron auf ein Proton trifft". Hier ist allein die elektromagnetische Wechselwirkung im Spiel. Oft wird anstatt von Masse von Gewicht gesprochen, was bei einem Elementarteilchen beziehungsweise einer Galaxie wenig Sinn macht. Auf S. 230 bezeichnet der Autor das Pauli-Prinzip als "Naturkraft" und auf S. 271 heißt es, der LHC des CERN habe einen Umfang von 84 Kilometer. Der tatsächliche Umfang von 27 Kilometer wurde als Durchmesser interpretiert – ein Fehler allerdings, der immer wieder in populärwissenschaftlichen Büchern auftritt.

Es sind diese Schwächen, die etwas nerven. Alles in allem ist "Vor dem Urknall" aber ein lesenswertes Buch – jedenfalls dort, wo es gesicherte physikalische Erkenntnisse geht. Hier gibt es jedoch enorme Konkurrenz auf dem Markt. Was die spekulative Seite angeht (Stichwort "Gottes letzte Schlupfwinkel"), so erschließt sich mir der Sinn des Buchs nicht unbedingt – außer dass es lukrativ ist, über Exotisches zu schreiben. Aber das ist Ansichtssache; genauso wie die Bemerkung auf dem Buchumschlag: "Brian Clegg tritt in die Fußstapfen von Stephen Hawking".

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