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Sprachkurs im Ozean

Kaum zu glauben, dass diese Vielfalt an Lauten tatsächlich von Walen stammen soll. Auf sich gestellt wäre der Hörer inmitten dieses Winselns, Jammerns und Schnarrens sicherlich schnell verloren. Bei Wolfgang Tins' CD "Walstimmen" handelt es sich jedoch keineswegs um ein esoterisches Entspannungsprodukt. Sein Anspruch ist ein anderer, und das Beiheft hat es in sich. Es liefert fundierte Informationen zu den 59 Hörbeispielen, die internationale Walforscher über Jahre hinweg aufgenommen haben. Dabei mussten sie die Laute teilweise schneller oder langsamer und damit höher oder tiefer als das Original abspielen, damit wir sie mit unserem begrenzten Hörumfang überhaupt wahrnehmen können.

Die Stimmen von 15 verschiedenen Walarten sind hier auf CD gebannt, und jeder Stimme ist eine Fotografie zugeordnet. Der Hörer erfährt genau, wann, wo und in welcher Situation die Tonaufnahmen gemacht wurden und lernt die Laute zuzuordnen. Mit etwas Vorstellungsvermögen spielen sich so vor dem inneren Auge lebendige Szenen ab: Plötzlich gehören das wilde Trommelgeräusch und die klagenden Schreie zu einer Gruppe von mehr als hundert Schwertwalen, die in tiefster Polarnacht in einem norwegischen Fjord nach Heringen jagen.

Wie geschickt sie dabei vorgehen, erklärt der Biologe und Kameramann Wolfgang Tins sehr anschaulich. Immer wieder streut er eigene Erlebnisse ein – etwa, wie es sich anfühlt, von einem Pottwal per Sonar abgetastet zu werden. "Als Taucher spürt man jeden dieser Klicks als Schlag auf die Brust" (S. 16). Darüber hinaus ist das Beiheft gespickt mit aktuellen wissenschaftlichen Erkenntnissen über die Lebensweise der Meeressäuger.

Klar wird aber auch, wie viele Wissenslücken es noch immer gibt. "Heute, nach einigen Jahrzehnten intensiver Forschung, hat man viel Interessantes herausgefunden", meint Tins. So können Wissenschaftler etwa Aufnahmen von Buckelwalgesängen genau einem bestimmten Jahr zuordnen. Komponieren diese doch für jede Paarungssaison ein neues "Liebeslied" – eine Variante des Vorjahrs, an die sich dann sämtliche Buckelwale eines Meeresteils halten. Auch Schwertwale geben den Walforschern mit ihren Lauten wichtige Hinweise auf ihre Herkunft, denn jede Schwertwalgruppe hat ihren eigenen Dialekt.

Dennoch – je tiefer man in die Materie einsteige, desto mehr überwiege das Gefühl, dass wir von den akustischen Fähigkeiten der Wale erst einen Bruchteil entschlüsseln konnten, meint Tins. Denn weder die genaue Technik der Schallerzeugung noch die Bedeutung der meisten Töne sind bekannt.

Dabei verwundert es wenig, dass sich im Laufe der Evolution eine derartige Vielfalt an Lauten entwickelt hat, denn Schall pflanzt sich unter Wasser hervorragend fort. So kann ein Blauwal das dumpfe Klagen eines Artgenossen hören, der gerade bis zu tausend Kilometer von ihm entfernt durch das Meer streift – eine enorme Leistung, aber auch ein wunder Punkt: Mehr und mehr macht die akustische Umweltverschmutzung den Walen zu schaffen. Sonartöne von Kriegsschiffen und der Lärm von Motorbooten etwa stören die Kommunikation der Tiere empfindlich.

Als eine ausgesprochen gelungene Mischung aus starken emotionalen Eindrücken und fundierter Information vermag es die vorliegende CD, den Hörer für diese Problematik zu sensibilisieren. In den beiden Walstimmenrätseln kann dieser sein neu erworbenes Wissen testen. Und wer sich in die CD und das Beiheft vertieft hat, wird nicht mehr glauben, eine ganze Gruppe von Walen zu hören, wenn ein einzelner Grönlandwal vor der Nordspitze Alaskas mit zwei verschiedenen Stimmen gleichzeitig singt. Die CD ist absolut empfehlenswert!

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