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Mathematik für dunkle Wintertage

"Wie soll denn Mathematik glücklich machen? Die hat mich noch nie glücklich gemacht, vor allem nicht in der Schule!" – soweit die Reaktion meines Freundes, als er das Buch mit dem eigentlich viel versprechenden Titel "Warum Mathematik glücklich macht" von Christian Hesse sah.

Tatsächlich erhält der Leser keine Antwort auf die Titelfrage; der Autor beweist nicht einmal, dass Mathematik überhaupt glücklich macht. Stattdessen zeigt er, wie allgegenwärtig Mathematik ist und welche vielfältigen Fragen man mit ihr bearbeiten – und teilweise auch beantworten – kann.

Das Buch enthält 151 voneinander unabhängige Texte, die im Schnitt ein bis vier Seiten lang sind, selten länger. Diese "Lesestücke in Feiertagslänge" sind unterteilt in Kapitel wie "Alltagsweltliches", "Philosophisches und Psychologisches" oder auch "Wissenschaft und Technik", sie können aber in beliebiger Reihenfolge gelesen werden. Aufgelockert werden die Texte durch Kästen, in denen kurze – überwiegend skurrile oder witzige – Anekdoten oder Zitate stehen. Allein nur für diese lohnt es sich fast schon, das Buch zu kaufen. "Warum Mathematik glücklich macht" ist also kein gewöhnliches Mathematik- oder Knobelbuch, stattdessen ist es voll gestopft mit – teilweise bis heute ungelösten – mathematischen Problemen (und auch den entsprechenden Lösungsansätzen), die der Autor für den Leser stark aufbereitet hat. Aber auch kunterbunten Geschichten aus Vergangenheit und Gegenwart, die irgendwie mit Mathematik zu tun haben, finden sich darin.

Der Leser erfährt beispielsweise von zählenden und rechnenden Tieren, spielt Schach auf einem Möbius-Band, lernt, wie er die Kubikwurzel aus 50 653 ziehen kann (und zwar "schneller fertig als die 5-Minuten-Terrine"), und wie man zu dritt einen Kuchen teilt, dass sich niemand ungerecht behandelt fühlt. Hesse zeigt außerdem auf, dass eine Münze einen IQ von 75 hat, und erläutert wie man mit Schokolade in der Mikrowelle die Lichtgeschwindigkeit bestimmen kann oder wie man anhand von Reifenspuren im Schnee erkennt, in welche Richtung ein Fahrrad gefahren ist.

Der Autor promovierte in Harvard und ist Professor für Mathematik an der Universität Stuttgart. Mit großer Begeisterung umwirbt er sein Fach und demonstriert, wie vielseitig und allgegenwärtig es ist. Allerdings ist seine Sprache ein wenig ungewohnt und an manchen Stellen zu umständlich und zu sehr gewollt.

Obwohl dieses Buch wirklich Spaß macht, ist es auch manchmal ein wenig mühselig: Die meisten Geschichten sind zwar leicht verständlich und locker erzählt wie die von einer Katze, die Co-Autor einer wissenschaftlichen Veröffentlichung ist, einige andere sind hingegen komplexe Herleitungen oder Beweise zu scheinbar simplen Fragen ("Wie komme ich aus einem Wald heraus, wenn ich nur weiß, dass ich einen Kilometer vom Rand entfernt bin?"). An einigen Stellen ist eine gewisse mathematische Grundbildung nötig, etwa gutes gymnasiales Oberstufenniveau, um dem Autor folgen zu können.

An anderen Stellen reicht das nur theoretisch; praktisch stieg ich dann trotz mathematischen Interesses aus und überschlug gern mal drei Seiten. Aber ich möchte hier nicht ausschließen, dass der ein oder andere hart Gesottene an einem sehr kalten Wintertag doch noch einmal zurückblättert und dem Gedankengang bis zum Ende folgt. An manchen Stellen habe ich diesen Aufwand auch betrieben und wurde belohnt: mit dem triumphalen Gefühl ein Problem gelöst zu haben – obwohl ich in Wirklichkeit natürlich nur die Wege dorthin nachvollzogen habe...

Dieses handliche Buch quillt fast über, so voll gepackt ist es mit Geschichten, Herleitungen, Problemen und Lösungen – viel zu viel, um es mal eben an einem gemütlichen Dezemberabend komplett zu lesen. Stattdessen ist es wohl eher etwas für den ganzen Winter, ein Begleiter an dunklen Tagen vorm Kamin, bei denen man vielleicht auch über manch eine Lösung etwas länger nachdenken mag. Ein Patentrezept zum Glücklichsein bietet Hesses Buch nicht, dem Mathematik-begeisterten Leser wird es aber immer wieder ein Lächeln auf die Lippen zaubern. Und das ist doch auch schon ein erster Schritt zum Glück. Ob es allerdings Menschen wie meinen Freund mit ihrer Abneigung gegenüber dieser Fachrichtung überzeugen würde, wage ich dennoch zu bezweifeln.
51. KW 2010

Dieser Artikel ist enthalten in Spektrum - Die Woche, 51. KW 2010

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