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Alles, was wir essen und gebrauchen

Der Wissenschaft von den Lebensmitteln ein Gesicht geben, das möchte Georg Schwedt mit seinem neuen Buch "Was ist wirklich drin?". Um seinen Lesern die Zusammensetzung von Lebensmitteln, Kosmetika und Reinigungsprodukten zu erklären, wählt er daher eine kleine Familiengeschichte als Rahmenhandlung. Akteure sind die Historikerin und Wissenschaftsjournalistin Anne, ihr Ehemann Peter, von Beruf Chemiker, und ihre Tochter Claudia, die in der 12. Klasse Chemie als Leistungskurs gewählt hat. Zudem taucht gelegentlich Tante Emma auf, die in einem kleinen Dorf lebt und sich mit Hilfe ihres Wirtschaftsgartens weit gehend selbst versorgt. Den Rest besorgt sie beim Bauern oder in dem kleinen Geschäft im Ort. Im Gegensatz zu ihr, kauft die "moderne, aufgeklärte" Familie routinemäßig im Supermarkt ein.

Doch halt – ist ihnen denn überhaupt bewusst, was sie da tagtäglich an Fertigprodukten konsumieren? Auf den Verpackungen drängeln sich zwar jede Menge Angaben, doch wissen Anna und ihre Familie oft kaum etwas mit Bezeichnungen der Zutatenliste anzufangen. Vielen Verbrauchern geht es ähnlich, so dass sie es aufgegeben haben, sich über E-Nummern, komplizierte chemische oder englische Wörter und Abkürzungen Gedanken zu machen. Hier greift Georg Schwedt ein und schickt sein neugieriges Quartett auf die Suche: Einen Tag lang versorgen sie sich gezielt mit Produkten aus dem Supermarkt und forschen nach, was es mit den einzelnen Inhaltsstoffen auf sich hat.

Anna beschließt beispielsweise ein Kartoffelmenü zum Mittagessen zu servieren. Als Vorspeise gibt es eine Kartoffelsuppe mit Crème fraîche, als Hauptgericht die bei alt und jung beliebten Rösti und als Dessert ein Creme-Dessert mit Vanillegeschmack. Klingt fein und geht ruckzuck, denn bei allen Gängen handelt es sich um Fertig- oder Halbfertigprodukte. Wie das Zutatenverzeichnis verrät, enthalten die Rösti, eine aus der Schweiz stammende Kartoffelspezialität aus der Pfanne, neben Kartoffeln zwölf weitere Zutaten. Unter anderem sind das Stärke, Aroma, Milchzucker, Mono- und Diglyceride von Speisefettsäuren als Emulgator, Maltodextrin und Gewürze. Die lange Liste regt zum Recherchieren ein, wobei besonders der Chemiker Peter zum Zuge kommt.

Gemeinsam mit der kleinen Familie erfährt der Leser, welche Verbindungen sich hinter bestimmten Klassennamen verbergen und welche Funktion sie in dem Fertigprodukt erfüllen. Die Kartoffel bietet sich aber auch an, um einiges zur Geschichte dieser traditionellen Nutzpflanze zu erfahren. In diesem Zusammenhang zitiert der Autor interessante und teilweise erstaunliche Auszüge aus verschiedenen Nachschlagewerken wieder, zum Beispiel "Johnstons Chemie des täglichen Lebens" aus dem 19. Jahrhundert. Abstecher in die Rezepthistorie "würzen" die Erläuterungen – so erfährt man etwa, was Pichelsteiner Eintopf oder Bremer Pluckten sind.

Ebenso wie das Kapitel zum Thema Mittagessen hat Georg Schwedt das ganze Buch aus einer Mischung von Chemiewissen und Geschichte der Warenkunde aufgebaut. Die einzelnen Mahlzeiten begleiten Kapitel über Körperpflegeprodukte, Wasch-, Reinigungs- und Pflegemittel sowie Kosmetika. Der Chemiker, der heute als Professor für Analytische und Anorganische Chemie an der TU Clausthal arbeitet, setzt bei seinen Erklärungen zu den einzelnen Inhaltsstoffen und den Funktion ein solides chemisches Grundverständnis voraus. Er bleibt in seinen Definitionen und Erklärungen neutral und hält sich mit Kritik an den vielen Zusatzstoffen in den Fertigprodukten ziemlich zurück, denn die Suche oder Nennung von Alternativen ist nicht sein vorrangiges Ziel.

Leider ist die Einleitung nicht ganz aktuell (was jedoch mit der benötigten Zeit vom Schreiben bis zur Veröffentlichung eines Buches zu erklären ist). Denn entgegen der Angabe, dass Lebensmittel und die anderen Verbrauchsgüter auf Basis des Lebensmittel- und Bedarfsgegenständegesetzes (LMBG) hergestellt und beurteilt werden, gilt seit 2006 in Europa das Lebensmittel- und Futtermittelgesetzbuch (LFGB). Im Großen und Ganzen ergeben sich durch die Ablösung aber auch keine gravierenden Änderungen.

Insgesamt ist es ein unterhaltsames und informatives Lehrbuch, das zwar weniger auf die diversen Tricks der Lebensmittelindustrie aufmerksam, aber auf jeden Fall Lust macht, sich selber auf die Forschungsreise zu machen. Und vielleicht auch wieder mehr richtig selber zu kochen?

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