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Anregung und Inspiration

Wer beim Kauf des Buches "Welt der Gärten" neue Tipps und Trends zum Thema "Gärtnern" erwartete, ist vielleicht enttäuscht. Stattdessen erhält er einen fulminanten Bildband – zum Blättern und Stöbern, Verweilen und Nachdenken gedacht. Allein die Buchmaße könnten das entspannte Vorhaben vielleicht vereiteln, denn mit 26 mal 38 Zentimetern (aufgeschlagen beinahe 80 Zentimeter breit) ist der Band – der im Schuber angeboten wird – fast ein wenig unhandlich. Doch jeder, der sich davor nicht scheut, wird mit Sicherheit belohnt.

Zu verdanken ist das Werk der Fotografin Tessa Traeger sowie dem Schriftsteller und künstlerischen Multitalent Patrick Kimmonth. Im Auftrag der National Portrait Gallery in London entstanden während ihrer Zusammenarbeit eindrucksvolle, mehrseitige Portraits führender Persönlichkeiten der internationalen Gartenszene. Der Titel der englischen Originalausgabe von 2003 "A Gardener´s Labyrinth: Portraits of People, Plants and Places" verdeutlicht eher die Diktion des Werkes, in dem fünfzig meist britische "Gärtner" uns auf 289 Seiten ihre vergänglichen Kunstwerke präsentieren.

In eng verflochtenen Worten und Bildern verraten uns die von der Idee der Landschaftsgestaltung Begeisterten die Quellen ihrer vielfältigen Inspirationen. So verwundert es kaum, dass vor allem namhafte Vertreter der Landart wie Andy Goldworthy ihre ganz eigenen Gedanken, Philosophien und Erfahrungen darbieten. Die Inszenierung von Formveränderungen in natürlichen Landschaftsräumen scheint ihnen Passion und Profession zugleich. Sie begreifen Kunst als Landschaft und Landschaft als Kunst. Landschaft ist aber Natur. Spannend: Welches Naturverständnis liegt den Gartenliebhabern zugrunde? Und: Wie ordnet sich der Mensch dort ein?

Steinkreise und Rasenlabyrinthe sind mythologischen Ursprungs. Überlegungen über das Wesen des Universums, über Elemente der Natur wie des Kosmos und sogar über die Chaostheorie fehlen nicht. Chaos und Garten – wie verträgt sich das? Anscheinend ganz gut: Ideen, sich von der Natur inspirieren zu lassen, anstatt gegen sie zu arbeiten, spiegeln Empfindungen wider, sich in Gärten am wohlsten zu fühlen, in denen sehr wenig oder zumindest nur äußerst behutsam eingegriffen wird. Dagegen steht, dass ein Garten etwas Künstliches sei, in dem Pflanzen – "wie in einem Aquarell malerisch verwendet" – davon überzeugt werden, an Plätzen zu wachsen, die sie nicht selbst gewählt haben.

Das Vorwort von Patrick Kimmonth erklärt die Entstehung des Buches und gibt den nötigen Einblick in die Gartenwelt. Das Kompendium ist in fünf Kapitel unterteilt. Der "geplante", der "erzählende" und der "bepflanzte" Garten fehlt ebenso wenig wie der über Jahrhunderte "bewahrte" Garten oder der "Garten des Forschers". Schwarzweiß setzt Tessa Traeger die berühmten Pflanzenliebhaber kunstvoll in Szene. Vorwiegend ganzformatig und in Farbe erscheinen dagegen ihre gärtnerischen Meisterwerke. Überaus ästhetisch sind die Nahaufnahmen von Blüten, Früchten und Blättern.

Der Garten als letzter Rückzugsort vieler Pflanzen, deren Lebensräume vernichtet sind oder als menschliches Refugium: In Wort und Bild erfährt man viel Aufschlussreiches über die Geschichte des Gartens, die vielfältigen Strömungen in der Gartenkunst und ihre Verfechter. Fünfzig Kurzbiografien befriedigen endgültig die Neugier nach den individuellen Lebensgeschichten der Protagonisten. Viele der vorgestellten Gärten und Gärtnereien sind der Öffentlichkeit zugänglich. Ein Gartenverzeichnis am Ende des Buches verrät demjenigen, der sich selbst einen Eindruck verschaffen möchte, die Adressen.

Das Buch ist für jeden Gartenfreund sowohl Anregung als auch Inspiration. Nach der Lektüre betrachtet man seinen eigenen Garten sicher mit anderen Augen. Das Preis-Leistungs-Verhältnis ist trotz der immerhin 99 Euro angemessen.

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