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Unbequeme Wahrheiten

Es gibt unzählige Bücher über seelische Erkrankungen und ihre Therapie – doch kaum eins kann mit einer solchen Mischung aus Fachkompetenz und Sprachwitz aufwarten. Der Psychiater und Psychologe Borwin Bandelow verfügt aber nicht nur über eine besondere Begabung, sein Wissen über die häufigsten psychischen Störungen zu vermitteln. Er spricht auch ohne Umschweife aus, was viele in seiner Berufsgruppe ärgern wird – etwa, dass es unter Psychiatern ebenso viele Erbsenzähler, Jammerlappen und Mimosen gibt wie in jeder anderen Berufsgruppe.

Ärger mit Kollegen dürfte sich der Psychiater von der Universität Göttingen auch deshalb einhandeln, weil er die Wirkung etablierter Behandlungsansätze anzweifelt. Die Traumatherapiemethode EMDR und die Hypnose etwa seien jeweils nur von wenigen, methodisch nicht einwandfreien Studien belegt, und für die psychodynamische Therapie fehle es bei einigen Krankheitsbildern überhaupt an kontrollierten Wirksamkeitstests. Wie wichtig solche Qualitätsnachweise sind, unterstreicht Bandelow mit Beispielen wie diesem: Wenn sich 14 von 15 Patienten nach einer Gänseblümchen-Aromatherapie angeblich besser fühlten, könne man diesem Ergebnis etwa so sehr vertrauen wie einer Fernsehwerbung.

Doch was wirkt nun wirklich? Die Selbsthilfetipps des Autors entsprechen in den meisten Fällen den üblichen verhaltenstherapeutischen Maßnahmen. Betroffene mit zartem Gemüt könnten an seinem trockenen, manchmal auch flapsigen Stil Anstoß nehmen – zu dem im Übrigen der elegisch-getragene Buchtitel nicht recht passt. Andere fühlen sich davon vielleicht mehr angesprochen als von Ratgebern, die vor Empathie triefen. Beispiel: Sozialphobiker sollten in Gesellschaft ein breites Lächeln aufsetzen, "mit dem man den Nahostkonflikt lösen könnte", und sich mal so richtig danebenbenehmen – "kurz, machen Sie einfach mal das, was alle diese Typen ständig tun, die Sie wegen ihres Selbstbewusstseins bewundern".

Um sich ohne Drogen Glücksgefühle zu verschaffen, empfiehlt Bandelow unter anderem Musik (hören oder machen), Streicheleinheiten und Mannschaftssport; Training mit Fitnessgeräten dagegen mache "wenig Laune". Auch Sportereignisse im Fernsehen anzuschauen setze Endorphine frei, solange auf den Trikots der Name der eigenen Heimatstadt stehe.

Schade nur, dass der Autor allein eine einzige Persönlichkeitsstörung (Borderline) ausführlich behandelt, während er gleichzeitig der eher seltenen Kleptomanie und einem halben Dutzend verschiedenen Süchten jeweils ein eigenes Kapitel widmet. Der größte Pluspunkt: Für jedes der knapp 30 ausgewählten Störungsbilder fasst eine Tabelle zusammen, welcher Therapieansatz sich hier in methodisch sauberen Studien als wirksam erwiesen hat. So erfährt man, dass es weder für Magersucht noch für Kleptomanie eine Erfolg versprechende Behandlung gibt und dass bei Depressionen und Angsterkrankungen Verhaltenstherapie besser wirkt als Psychoanalyse. Bei psychisch bedingtem Übergewicht hingegen brächten Antidepressiva mehr als jede Psychotherapie, und bei Junkies funktionierten Warengutscheine als Belohnung für Abstinenz am besten.

Ein ausführliches Verzeichnis von Wirksamkeitsstudien und Infos zu Nebenwirkungen der gängigsten Psychopharmaka ergänzen diesen rundum gelungenen Band.

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  • Quellen
Gehirn&Geist 5/2010

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