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Ein bescheidener Anfang

"Als ich 1980 China besuchte, sprach ich mit meinen dortigen Lehrern über die Einordnung unserer nordamerikanischen Heilkräuter in das energetische System der Traditionellen Chinesischen Medizin. Sie meinten, dass mein Plan nicht durchführbar sei, da es der Anstrengung zahlloser Kräuterkundiger über viele Jahrhunderte hinweg bedurft habe, ein solch vollständiges System [...] zu entwickeln. Nach vielen Jahren des Nachdenkens stimme ich zu, dass diese Aufgabe von einem Einzelnen nicht zufriedenstellend gelöst werden kann. Alles, was ich zu erreichen hoffe, ist ein bescheidener Anfang" (S. XXI).

Vielleicht war es ein Fehler des Verlags, den allzu esoterisch klingenden englischen Originaltitel "Planetary Herbology" vollmundig mit "Westliche Heilkräuter in TCM und Ayurveda" zu übersetzen. Nun aber verspricht der deutsche Titel viel mehr, als das Buch zu halten vermag. Im Zentrum stehen in den meisten Rezepten eben doch chinesische und indische Heilpflanzen. Hinsichtlich der Verwendung westlicher Heilpflanzen in der Traditionellen Chinesischen Medizin ist dieses Buch tatsächlich nur ein äußerst bescheidener Anfang! Für die TCM in Europa und Amerika wäre es ein geradezu Epoche machender Schritt, die eigenen Heilkräuter in das theoretische chinesische System einzuordnen, um sie im Rahmen einer Behandlung nach dessen Grundsätzen – z. B. mittels Akupunktur oder Qi-Gong – einsetzbar zu machen. Jedenfalls zeichnet sich mit dem Werk von Michael Tierra noch längst kein Durchbruch bei diesem Unterfangen ab. Was der Autor anbietet, ist primär eine Einordnung von Heilpflanzen nach ihren geschmacklichen und energetischen Eigenschaften in das System der TCM. Die Zuordnung zu Syndromen ist nicht durchgehend erfolgt. Zudem ist die Beschreibung der therapeutischen Eigenschaften extrem knapp gehalten. Da liefern sogar Kompendien wie der "Leitfaden Traditionelle Chinesische Medizin" von Claudia Focks u.a. in seinem phytotherapeutischen Teil mehr Material zu vielen der auch von Tierra beschriebenen Kräuter. Die Informationen zur Anwendung bleiben weitgehend dem westlichen Denken verhaftet und beschreiben Symptom-, aber eben keine Syndromwirkungen nach der TCM. Genau dieser Punkt aber – der exakte Bezug zu bestimmten, klassischen Syndromen – wäre zu leisten.

Überflüssig sind Vorwort und Anhang des Herausgebers. Seine Texte rücken die Kräuterkunde in die Nähe des Spirituellen. Will man moderne westliche Ärzte und Heilpraktiker ansprechen, sollte man das Gewicht doch mehr auf Wissen als auf Glauben legen.

Insofern bleibt der westliche Therapeut beim Einsatz von einheimischen Kräutern in der TCM immer noch weitgehend auf sich selbst gestellt. Andererseits enthält das Buch doch einige Details und – eher versteckte – Praxistipps; wer selbst mit westlichen Kräutern in der TCM experimentieren möchte, wird an Tierras Buch trotz der genannten Schwachstellen nicht vorbei kommen.

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