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Von wegen rosa oder himmelblau

Männer und Frauen ticken verschieden, und das von Geburt an. Dafür verantwortlich sind Gene, Sexualhormone und ihre Auswirkungen aufs Denkorgan. So dachte Lise Eliot, Neurobiologin an der Chicago Medical School in Illinois, als sie sich diesem Forschungsgebiet erstmals widmete. Sie war davon überzeugt, dass sich geschlechtstypische Vorlieben und Verhaltensweisen rein naturwissenschaftlich erklären lassen – etwa indem man die an Labortieren gewonnenen Ergebnisse verallgemeinert.

Doch ganz so einfach ist es nicht, stellte sie bald fest. Das menschliche Gehirn ist nicht nur ein Produkt von Genen und Hormonen, sondern wird auch maßgeblich von der Umwelt geprägt. Eliot durchforstete daraufhin Befunde zur Hirnentwicklung bei Kindern. Welche Unterschiede waren naturgegeben und welche eher der Erziehung und Gesellschaft geschuldet? Herausgekommen ist ein rund 600 Seiten starkes Buch, vollgestopft mit Fakten aus Biologie, Soziologie, Psychologie und Pädagogik.

Besonders interessant sind die beiden Kapitel, die sich mit der Zeit vom Heranreifen des Embryos im Mutterleib bis zum Säuglingsalter befassen. Hier sind etwaige Unterschiede noch hauptsächlich biologisch bedingt; vor allem Testosteron und Östrogene hinterlassen ihre Spuren. Deshalb starten Jungs und Mädchen tatsächlich mit verschiedenen Voraussetzungen ins Leben: Männliche Säuglinge sind in der Regel etwas größer und verfügen daher über ein wenig mehr Hirnmasse; weibliche Babys entwickeln sich dafür etwas schneller. So haben Mädchen in Sachen Feinmotorik einen Vorsprung, doch den Pinzettengriff, mit dem sie zum Beispiel einen Keks festhalten, lernen beide Geschlechter gleich schnell.

Die Macht der Erwartung

Die Neurobiologin Eliot zögert nicht, auf Schwachstellen in den Untersuchungen bekannter Forscher hinzuweisen. In einer Studie etwa beobachtete ein Team um den Psychologen Simon Baron-Cohen von der University of Cambridge, dass neugeborene Mädchen bevorzugt das Gesicht einer Frau und Jungs lieber ein Mobile mit einem Ball fixierten. Leider war den Beobachtern das Geschlecht der Kinder bekannt – was sich möglicherweise auf die Datenerhebung auswirkte. Tatsächlich hat bis heute niemand mehr diesen Befund bestätigen können.

Wie ausgeprägt die geschlechtsspezifische Erwartungshaltung bereits gegenüber den Kleinsten ist, zeigt ein Experiment, bei dem elf Monate alte Babys eine mit Teppich ausgelegte Schräge hinunterkrabbeln sollten. Zunächst schätzten die Mütter, welchen Neigungswinkel sich ihr kleiner Spross zutrauen würde, anschließend durften die Kleinen loskrabbeln. Erstaunlicherweise bewältigten Mädchen Schrägen bis zu 46 Grad, während Jungs gerade mal 30 Grad meisterten. Die Mütter unterschätzten ihre Töchter dabei um durchschnittlich neun Prozent; bei den Söhnen lagen sie in der Regel richtig.

Eliots Kredo lautet: Unterschiede in den Denkorganen von Männlein und Weiblein sind zwar von Anfang an gegeben, fallen häufig aber so marginal aus, dass sie geschlechtsspezifische Stereotype kaum rechtfertigen. Vielmehr ist es an uns, den Eltern, Lehrern und der Gesellschaft insgesamt, das Denken in festen Geschlechterkategorien aufzubrechen. Das könnte helfen, Kinder und Jugendliche so zu fördern, dass sie mit gleichen Chancen durchs Leben gehen – ohne sie dabei gleichmachen zu wollen.

Wenn etwa Sprache eine Mädchendomäne ist, so bedeutet dies vor allem, dass Eltern ihren Söhnen regelmäßig vorlesen sollten, um den kleinen Rückstand aufzuholen. Tipps dieser Art gibt Eliot am Ende jedes Kapitels. Die Autorin lockert die gehaltvolle Lektüre immer wieder mit Episoden aus ihrer persönlichen Erfahrung als Mutter von zwei Söhnen und einer Tochter auf. So ist ihre 600-Seiten-Abhandlung zur Hirnentwicklung bei Jungs und Mädchen ein durch und durch gelungenes und lesenswertes Buch, das nicht nur Eltern und Pädagogen bereichern dürfte. Oder, um es mit den Worten des Nobelpreisträgers Eric Kandel zu sagen: "ein wunderbar optimistisches Buch, das ich nicht warm genug empfehlen kann".

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  • Quellen
Gehirn und Geist 1–2/2011

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