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Wer lenkt den Wagen?

Honig-Mandel-, Schoko-Kirsch- oder doch lieber ein Waldbeeren-Müsli? Weil sich Jonah Lehrer immer wieder mit der Wahl zwischen verschiedenen Frühstückszerealien quälte, entschloss er sich dazu, ein Buch über Entscheidungen zu schreiben.

Der 28-jährige Neurowissenschaftler klärt jedoch nicht nur die Frage, wie unser Gehirn mit einem Überangebot an Konsumgütern fertig wird. Vielmehr verwebt er neueste Erkenntnisse seines Fachs mit Entscheidungen etwa von Piloten, Pokerspielern oder Anlageberatern, bei denen oft nur ein schmaler Grat zwischen Erfolg und Misserfolg liegt.

Der Hirnforscher, der auch Literatur und Theologie studierte und bei Nobelpreisträger Eric Kandel promovierte, beginnt seine Erkundungsreise bei Platon (zirka 428 – 348 v. Chr.). Der menschliche Geist sei wie ein Wagengespann, das unter anderem von den Gefühlen gezogen werde, meinte der griechische Philosoph. Der Verstand müsse die Richtung vorgeben und die widerspenstigen Emotionen im Zaum halten.

Anhand vieler aktueller Beispiele aus den Neurowissenschaften modernisiert Lehrer nun Platons Metapher. Er zeigt, dass das Bauchgefühl die Wahl zwischen zwei Alternativen nicht notwendigerweise negativ beeinflusst, sondern oft sogar eine bessere Entscheidungsgrundlage bietet. Der Verstand solle deshalb die Zügel auch mal aus der Hand geben.

In seinem Resümee gibt Lehrer praktische Tipps, wie wir das Zusammenspiel von Vernunft und Intuition optimieren können und so zu besseren Entscheidungen gelangen. Bei kniffligen Fragen solle man sich demnach besser auf das Bauchgefühl verlassen. Es lohne sich aber, den Verstand einzuschalten, wenn die Wahl vergleichsweise einfach erscheint, weil nur wenige Größen einzuberechnen sind.

Auch wenn solche Aussagen nicht vollkommen neu sind: Dem Autor gelingt das Kunststück, die Hirnforschung aus dem Labor in den Alltag zu holen. In bekömmlichen Häppchen serviert er seinen Lesern aktuelle Ergebnisse der jungen Forschungsdisziplin und erzählt nebenbei auch noch viel beispielsweise über moderne Brandbekämpfung und die Hydraulik von Flugzeugen.

Im Plauderton erläutert Lehrer, welche Rolle der präfrontale Kortex bei der Wahl des richtigen Möbelstücks spielt oder wie dopaminerge Neurone ein Schlachtschiff im Golfkrieg retteten. "Jonah Lehrer macht Hirnforschung alltagstauglich", urteilt darum der bekannte Neurowissenschaftler Antonio Damasio auf der Rückseite des Einbands.

Es mag auch Wissenschaftler geben, die manche Ausführungen von Lehrer als Spekulation betrachten würden. Doch der Autor vollbringt, was bei eifrig publizierenden Forschern manchmal zu kurz kommt: Er setzt die unzähligen Einzelbefunde des interdisziplinären Wissenschaftszweigs zu einem Gesamtbild zusammen – und schafft es noch dazu, alles in ein Werk zu verpacken, das sich spannender liest als mancher Kriminalroman.

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  • Quellen
Gehirn und Geist 9/2009

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