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In einer fernen Zeit

Geklonte Menschen, totale mediale Vernetzung, kinderleichtes Reisen durch Raum und Zeit – Sciencefiction im ursprünglichen Sinn des Worts zeichnet ein Bild unserer Zukunft, wie sie sein könnte. Sie leitet von unserem heutigen technischen Wissensstand Entwicklungen der nächsten Jahrzehnte und Jahrhunderte ab. Wichtiger Teil solcher Geschichten sind die Protagonisten, die der futuristischen Technik wie selbstverständlich Leben einhauchen. Aber gerade bei den handelnden Personen krankt die Darstellung meist. Der Grund: Die Charaktere könnten in der Regel auch hier und heute leben, denn ihr soziales und kulturelles Verhalten ist der Jetzt-Zeit entliehen.

Diesen Widerspruch sieht Matthias Horx, einer der einflussreichsten Zukunftsforscher im deutschsprachigen Raum, nicht nur bei Zukunftsromanen und -filmen, sondern auch im wissenschaftlich fundierten Feld seiner Arbeit. Noch immer würden vor allem technische Elemente bei der Betrachtung dessen, was sein wird, zum roten Faden gemacht, obwohl sich die meisten Visionen der letzten Jahrzehnte inzwischen als Hirngespinste erwiesen hätten. In seinem neuen Buch "Wie wir leben werden" führt der frühere "Zeit"-Redakteur seine Leser deshalb in ein 21. Jahrhundert, das von der menschlichen Kulturleistung, von Alltag, Leben und Tod bestimmt ist. Technik spielt hier zwar auch eine Rolle, aber "nicht als Trägerwelle, sondern als Produkt des Menschlichen", wie der Autor betont.

Im Gegensatz zu vielen anderen Streifzügen in die Welt von morgen ist das Buch nicht nach wissenschaftlichen Fachgebieten gegliedert, sondern nach sozialen Ereignissen: Geburt, Lernen, Liebe und so weiter. Jedes Kapitel beginnt mit einer kurzen fiktiven Erzählung – den Erlebnissen von Ayla und David, beide geboren im Jahr 2000. Zahlreiche Fakten, detaillierte Analysen und Hypothesen, die den zentralen Kern der Kapitel bilden, vermitteln ein großes Wissensspektrum und liefern wunderbare Ausblicke in die Zukunft. Die dem Buch zu Grunde liegende, intensive Recherche belegt das umfangreiche Literaturverzeichnis.

In seinem flüssig zu lesenden, abwechslungsreichen Text distanziert sich Horx von weltfremder, im Elfenbeinturm zelebrierter Wissenschaft. Er zitiert gerne aus "Star Trek" oder streut mit Vergnügen Erzählungen ein, die düstere Zukunftsprognosen ad absurdum führen. Überhaupt hebt sich "Wie wir leben werden" durch eine etwas andere, nämlich optimistisch gestimmte Sicht auf das neue Jahrhundert ab. Es zeigt Auswege auf und macht Irrtümer in Bezug auf unheilvolle oder verheerende Prognosen plausibel.

So überzeugend die Argumente auch präsentiert und verteidigt werden, sollte man allerdings davon Abstand nehmen, die abgeleiteten Hypothesen als in Stein gemeißelte Wahrheit anzunehmen. Denn wie das geflügelte Wort sagt: Prognosen sind schwierig, besonders wenn sie die Zukunft betreffen. Das Verdienst von Horx ist es aber, wo andere mit Vorliebe schwarz malen, Lust auf eine Zukunft zu machen, in der es nicht unbedingt allen schlechter, sondern vielen besser gehen könnte.

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  • Quellen
Gehirn und Geist 3/2006

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