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Held oder Krimineller?

Für die einen ist er ein grüner Held, der sein Leben für bedrohte Kreaturen riskiert. Andere sehen in ihm einen kriminellen Öko-Terroristen, der ohne Rücksicht auf Menschenleben oder materielle Werte seine Ziele verfolgt. Die Rede ist von Paul Watson – Mitbegründer von Greenpeace und heute radikaler Verfechter des Schutzes bedrohter Wale und anderer Meerestiere, die keine Lobby haben. Seinen Kampf gegen den illegalen und halblegalen Walfang nahm der amerikanische Journalist Peter Heller zum Anlass für sein Buch "Wir schreiten ein".

Es beschreibt die spannende Geschichte einer Verfolgungsfahrt in der Antarktis auf dem Schiff "Farley Mowat", das Watsons Organisation "Sea Shepherd" gehört und gegen japanische Walfänger eingesetzt wird, die in den antarktischen Gewässern zu wissenschaftlichen Zwecken Jagd auf Zwerg- und Finnwale macht. Watson- wie auch die überwiegende Zahl der Biologen und Naturschützer weltweit – zweifelt den Forschungscharakter dieser Fahrten an: Zu oft gelangten schließlich erwiesenermaßen Walfleisch dieser Expeditionen in den japanischen Handel. Auch glaubt kaum ein Forscher außerhalb des Walforschunsginstituts des Landes der aufgehenden Sonne daran, dass die rabiate Methode des Erschießens seriöse Ergebnisse generiert.

Außer gleichgesinnten Nationen wie Norwegen oder Island protestiert deshalb die überwiegende Mehrheit der Weltgemeinschaft gegen das Harpunieren der Meeressäuger. Japan ficht dies allerdings genauso wenig an wie die harschen Proteste der Australier, in deren antarktischem Territorium die Jagd immer wieder stattfindet – und obwohl die Meere um den Eiskontinent eigentlich ein Schutzgebiet für die bedrohten Warmblüter sein sollten.

Zu drakonischeren Maßnahmen als Verbalnoten greift allerdings keiner der opponierenden Staaten, was Paul Watson auf der anderen Seite sehr erzürnt – Heller beschreibt die cholerische wie auch intellektuelle Art des Kapitäns sehr detailliert, treffend und amüsant. Ursprünglich einer der Gründerväter von Greenpeace, das stets auf gewaltlosen Widerstand setzt, löste Watson sich bald wieder von der Gruppe und gründete mit Sea Shepherd eine deutlich radikalere Bewegung. Sie setzt auch auf handfeste Auseinandersetzungen, die – und das betont Watson immer wieder – jedoch stets und bislang immer Menschen nicht gefährden sollen und dürfen.

Materielle Schäden nimmt Sea Shepherd jedoch in Kauf: Mehrfach haben ihre eigenen Schiffe Walfänger oder Piratenfischer im Hafen gerammt und versenkt, die sich widerrechtlich an den Ressourcen des Meeres vergriffen hatten. Bislang gab es jedoch noch nie Gerichtsurteile gegen Watson, seine Crew oder Sea Shepherd, denn die Gruppe beruft sich auf internationiales Seerecht und Umweltschutzabkommen, die illegale Jagd nach Fischen oder Walen untersagen. Nach eigenen Angaben setzt Sea Shepherd genau diese Gesetze um, weshalb sie nicht belangt werden können – etwa wenn sie die verbotene Treibnetz- oder Langleinen-Fischerei um die Galapagos-Inseln ahndet oder unter Piratenfahne fahrende Walfänger ohne offizielles Heimatland versenkt.

Auch rund um den Jahreswechsel von 2005 auf 2006 ist Watson mit seiner "Farley Mowat" auf Patrouillenfahrt in antarktischen Gewässern und auf der Suche nach dem japanischen Fabrikschiff "Nisshin Maru", dessen Aktivitäten gestört und möglichst unterbunden werden sollen. An Bord ist auch Peter Heller, der die Tage des Wartens, die nervenzehrende Suche nach dem Walfänger, die nervösen Vorbereitungen zu Attacke und die magenaufwühlenden Stürme im Südpolarmeer wie die grandiose Natur der Region dokumentiert. Wochenlang vollziehen die Kontrahenten eine Katz- und Maus-Jagd durch das eisige Meer, bei der auch Greenpeace – mittlerweile von Watson als einflussloser grüner Finanzkonzern geschmäht – mitmischt. Auch in der Umweltecke existieren jedenfalls Eitelkeiten und verschärftes Konkurrenzdenken, wie der Leser mitbekommt.

Hellers Tagebuch liest sich jedenfalls fast wie ein Krimi und gewährt Einblicke in das Seelenleben von Tierschützern, die oft ihr Leben geben würden, um bedrohte Kreaturen zu retten. Man fiebert mit, ob es Sea Shepherd gelingen wird, das brutale Abschlachten der Wale zu stoppen und die Walfänger zur Umkehr zu zwingen. Und gleichzeitig ist man besorgt, dass keinem Crew-Mitglied – sei es auf Seiten der Ökokämpfer oder der Japaner – etwas passiert und alle unversehrt aus der Antarktis zurückkehren (sie tun es, so viel sei gesagt). Heller bleibt trotz seines langen Aufenthalts an Bord der "Farley Mowat" stets kritisch und überwacht die Aktionen Watsons mit Argusaugen: Sein Buch ist also mit Sicherheit keine Beweihräucherung von grünen Helden. Dennoch wünscht man sich am Ende des Buchs jedenfalls nur ein Zehntel des Ehrgeizes von Paul Watson in den meisten unserer Politiker – um den Planeten und sein Leben darauf wäre es besser bestellt.

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