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Die Wende ist machbar

"Wir Wettermacher", so heißt das neueste Buch des australischen Biologen, Umweltschützers und Bestseller-Autors populärer Sachbücher Tim Flannery. Allein schon der Titel dürfte Kritiker des menschengemachten Treibhauseffekts auf den Plan rufen, schließlich könne doch der Mensch gar nicht das Klima verändern und hätte damit auch nur sehr begrenzten Einfluss auf das Wettergeschehen – sieht man einmal von russischen Piloten ab, die Wolken mit Silberjodid bombardieren, um Militärparaden nicht ins Wasser fallen zu lassen.

Abgesehen von sehr wenigen Ausnahmen besteht in der Wissenschaft allerdings Konsens, dass dem aber gerade nicht so ist und der Mensch tatsächlich durch das gedankenlose Verfeuern fossiler Brennstoffe Einfluss auf unser Klima nimmt. Die Ablehnung dieser anhand von unzähligen Berechnungen, Modellen, Beobachtungen und Messungen erbrachten und fundierten Aussagen der Klimaforscher, Geowissenschaftler und Biologen ist eher unter bestimmten Politikern verbreitet, die Angst haben, ihren Wählern oder der Wirtschaft zu viele Belastungen zumuten zu müssen. In diese Front der Negierung reihen sich zudem Interessensvertreter von Energie-, Bergbau- oder Automobilunternehmen ein, die sich natürlich zuerst den monetären Belangen der eigenen Klientel verpflichtet fühlen.

Dazwischen steht dann die große Mehrheit der Erdenbürger, die nun nicht wissen, ob sie eher den Forschern und ihren begründeten klimatologischen Schreckensszenarien glauben sollen, oder eher gewissen Politikern, die beschwichtigen, es werde ja alles gar nicht so schlimm kommen. Genau an diese große Mehrheit der Bevölkerung wendet sich nun Flannerys eindrückliche Warnung, der das große persönliche Engagement anzumerken ist.

Auf über 300 leicht zu lesenden und geradezu fesselnden Seiten breitet der Autor das gegenwärtige Wissen über den globalen Klimawandel aus und skizziert pointiert – um nicht zu sagen entlarvend – die Gegner einer alternativen Energie- und damit Klimapolitik. Er zeigt potenzielle und teilweise leicht von jedem umzusetzende Lösungsmöglichkeiten auf und scheut dabei auch den Blick die Zukunft nicht, deren Schicksal wir heute bereits in der Hand haben: alles untermauert von mehreren hundert Literaturzitaten, die zumeist aus renommierten Fachmagazinen stammen.

Der erste Teil des Buchs beschreibt allgemein verständlich die Entwicklung des Erdklimas, was die so genannte Atmosphäre und ihre gasigen Bestandteile sind und mit welchen Methoden die Forschung das Klima der Vergangenheit entschlüsselt. Natürlich darf die Entstehungsgeschichte der riesigen Kohlenstoff-Lagerstätten der Erde nicht fehlen und wie der Mensch begann, sich diese zu Nutzen zu machen. Der interessanteste Abschnitt ist hier die Diskussion, ob die Menschheit nicht bereits vor 8000 Jahren begonnen hat, auf das Klima einzuwirken: in dem sie begann, die Wälder zu roden und Reisfelder anzulegen, denen das hoch wirksame Methan entströmt.

Anschließend folgt das Kapitel über die Welt von heute: Ausgehend auch von eigenen, unerfreulichen Beobachtungen auf Neuguinea – wo wie andernorts die Gletscher des Hochgebirges schmelzen – beschreibt Flannery, wie Flora, Fauna und auch schon der Mensch weltweit unter steigenden Temperaturen und chaotischeren Wetterverhältnissen zu leiden haben: Ob nun attraktive Goldkröten in Costa Rica aussterben, sich das Meereis an den Polen zurückzieht, glibbrige Salpen den Kälte liebenden Krill in der Antarktis verdrängen, Korallenriffe in aufgeheizten Ozeanen ausbleichen, deren warmes Wasser zunehmend monströse Stürme befeuert – stets haben steigende Durchschnittstemperaturen einen großen Anteil daran.

Diese Ergebnisse passen zunehmend in die Modellierungen der Klimatologen, denen sich der dritte Abschnitt zuwendet. Der Autor erklärt wiederum leicht nachvollziehbar, wie diese Berechnungen funktionieren, wie viel Feinarbeit nötig war, um sie auf den heutigen Stand zu bringen und dass sie natürlich immer noch nicht perfekt sind. Trotzdem erbringen sie immer neue und immer präzisere Ergebnisse, deren Voraussagungen mittlerweile auf dem Planeten Tag für Tag tatsächlich eintreten: Von wandernden Arten bis zu versauernden Ozeanen und von heftigeren Stürmen bis zur Abschwächung des Golfstroms – schon die gegenwärtige Zivilisation stellt dies vor teils gewaltige Herausforderungen.

Nun folgt der wohl absurdeste, amüsanteste, aber auch erschreckendste Teil von "Wir Wettermacher", in dem Flannery all die Schwierigkeiten auflistet, die Wissenschaftler überwinden müssen, um sich Gehör zu verschaffen – so wie einst Paul Crutzen und seine Kollegen, die vor dem Ozonabbau durch FCKW warnten. Flannery führt das Beispiel aber auch an, weil das 1987 verabschiedete Montreal-Abkommen zur Verbannung der FCKW das erste wirklich globale Vertragswerk zum Schutze der Atmosphäre war. Geradezu skurril wird es, wenn der Autor hier die Widerstände von Energieriesen und Bergbaugiganten aufzählt, die sich dem Kampf gegen das Kyoto-Protokoll mit teils mehr als abstrusen Argumenten verschworen haben.

Aber Flannerys Buch ist weit davon entfernt, nur Endzeitszenarien zu skizzieren, in denen uneinsichtige Politiker und Wirtschaftsbosse rücksichtslos die Umwelt dem schnöden Mammon opfern. Nein: Er zeigt auch viele Lösungsmöglichkeiten für das größte Problem der Menschheitsgeschichte – so der Autor – in den nächsten Jahrzehnten. Abgewägt werden allerlei Optionen von der Versenkung des Kohlendioxids in den Tiefen der Ozeane, die Atomkraft, die Wasserstoff-Technologie bis zu wahrlich noch utopisch klingenden Varianten wie Autos mit Druckluftantrieb – wie immer alles belegt an Beispielen aus allen Teilen der Welt. Die Kernaussage: Saubere Energie ist möglich, sie schadet der Wirtschaft nicht, ist zum Wohle unserer Kinder und Enkel und jeder kann schon heute seinen Beitrag dazu leisten.

Das Buch ist das beste Beispiel: Es wurde treibhausgasneutral hergestellt, denn die bei Produktion und Vertrieb anfallenden Emissionen sollen durch ein TÜV-zertifiziertes Projekt an anderer Stelle wieder ausgeglichen werden. Auch hier ist also ein Anfang bereits gemacht.

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