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Wissenschaft anno 2006

Keine Frage – Galileo, Alexander von Humboldt und Co waren Universalgelehrte. Zu ihren Zeiten war die Welt der Wissenschaft allerdings noch überschaubar. Wer sich heute anschickt, "die Wissenschaft" universal verstehen zu wollen, wird wohl bald frustriert feststellen, dass das mittlerweile unmöglich ist – auch für den hellsten Kopf der Welt, denn zu groß ist das Wissen heute. Bleibt also nichts anderes übrig, als sich ein grobes, lückenhaftes Bild zu verschaffen.

Da kommt "Wissen Hoch 12" gerade recht, beansprucht es doch, eine Chronik der Wissenschaft des Jahres 2006 zu sein. Laut Klappentext und Vorwort verspricht das Buch zu vermitteln, was die Welt der Wissenschaft im Laufe des Jahres bewegte: von Astronomie über Materialwissenschaften, Biologie bis zu Demografie – ein Rundumschlag. Dem aufmerksamen Zeitgenossen fällt jedoch schon auf dem Einband das Logo der Max-Planck-Gesellschaft auf, und auf einer der ersten Seiten lächelt einem bereits Peter Gruss, der Präsident der MPG, entgegen.

Was man ahnt, bestätigt sich bald: Das Buch ist vor allem eine Chronik der MPG-Wissenschaft 2006. In den Interviews zu den jeweiligen Fachgebieten kommen fast ausschließlich hauseigene Mitarbeiter zu Wort, und in den Texten stolpert man oft über "Max-Planck-Institut für XY". Wer sich aber mit der Tatsache arrangiert, ein MPG-lastiges Werk in der Hand zu halten, dem dürfte es einige nette Lesestunden bereiten.

Dank der Vielfalt an Themen findet sich für jeden irgendwo ein interessanter neuer Aspekt. "Wissen Hoch 12" ist deshalb für jeden Leser geeignet, der sein Wissen über ihm bislang wenig bekannte Fachgebiete aufpolstern will. Inhaltlich kratzt das Buch aber meist an der Oberfläche – zumindest in den Kapiteln über Forschungsgebiete, in denen ich mich schon recht gut auskenne. Allzu viel Detailwissen darf man also nicht erwarten, wer aber seine Allgemeinbildung ein wenig verbessern will, für den ist das Buch goldrichtig.

Die einzelnen Kapitel haben gerade die richtige Länge, dass man sich zum Beispiel vor dem Schlafengehen noch eines vornehmen kann. Kreuz und quer schmökern lässt sich auch gut in den um den Hauptteil gruppierten Blöcken. So steht ihm eine Chronik mit Kurzmeldungen für jeden Monat voran, die Nobelpreise haben einen Extrakapitel spendiert bekommen, im "Ausblick" verraten Wissenschaftler, was für Entwicklungen sie in den nächsten Jahren erwarten, und am Ende des Buches versteckt sich ein kleines Juwel: die Bilder aus der Wissenschaft. Bei den monatlich zusammengestellten Kurzmeldungen kommt zudem endlich auch Nicht-MPG-Forschung aufs Tapet (nicht ohne jedoch konkret die MPG-Innovationen zu benennen).

Reichlich verwirrend sind die am oberen Blattrand verlaufenden Zeittafeln. Da stehen in einer Reihe zum Beispiel: "02.06. Neutrinos erstmals experimentell nachgewiesen", "03.06. Martin Behaim stellt den ersten realistischen Weltglobus vor" und "05.06. Aids wird als Immunschwäche-Krankheit erkannt" – allerdings hat sich das jeweils im Jahr 1992, 1492 und 1981 zugetragen. Hier knallen die Autoren dem Leser völlig willkürlich gewählte Ereignisse an den Kopf und vollführen gewagte Vorwärts- und Rückwärtssprünge in der Zeit.

Mit Zeiträumen scheinen die Macher des Buchs sowieso gerne etwas unkonventionell umzugehen. So deckt das Jahrbuch nicht etwa Januar bis Dezember 2006 ab, sondern es geht von November 2005 bis Oktober 2006. Geschadet hätte es sicherlich nicht – und logischer wäre es auch gewesen –, noch ein paar Monate zu warten und dann tatsächlich ein wirkliches Jahrbuch 2006 auf den Markt zu bringen.

Neben den wunderschönen Aufnahmen der "Bilder aus der Wissenschaft" ist das Buch auch sonst reich illustriert und mit vielen Kästen versehen. Manchmal wirkt es dadurch allerdings schon fast überladen. Das Layout an sich ist relativ uneinheitlich, und insgesamt merkt man dem Buch an, dass es wohl ein recht schnell zusammengeschustertes Werk ist – da kommen schon einmal die Begriffe Klonierung und Klonen durcheinander, hier schleicht sich ein Rechtschreibfehler ein und dort eine Astronomie-Meldung mit Überschrift "Medizin".

Auch stilistisch hätte ein Feinschliff gut getan. Die Kapiteleinleitungen erinnern teilweise an den Stil der Boulevardpresse, ihr Inhalt ist ab und zu regelrecht banal (Beispiel: Wenn der Klimawandel weltweit voranschreitet, braucht es doch keinen Verweis darauf, dass auch Deutschland betroffen ist). Interessant fand ich Wortschöpfungen wie "Hauptwissenschaftler". Im Großen und Ganzen ist der Buchtext aber angenehm zu lesen, auch wenn die Autoren es manchmal ein bisschen zu gut mit sprachlichen Bilder meinen – beispielsweise, dass der Saturn als der Herr der Ringe gilt und eine ganze "Herde" an Monden besitzt. Ein wirkliches Ärgernis waren nach gewisser Zeit zudem die geradezu inflationär verwendeten Anführungszeichen, die ich bisher in einer derartigen Häufung noch in keinem Buch gefunden habe.

Alles in allem ist das Buch aber trotz der erwähnten unschönen Aspekte unterhaltsam und lehrreich. Ob es jedoch ganze 30 Euro wert ist, darüber lässt sich streiten.
09.02.2007

Dieser Artikel ist enthalten in Spektrum - Die Woche, 09.02.2007

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