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Filmkritik: »Threads«

Atomkrieg: Düstere Aussichten

Ein legendärer Film von 1984 über die Auswirkungen eines Atomkriegs ist digital aufbereitet wieder erhältlich. Der Film hat nichts von seinem Schrecken und seiner Aktualität eingebüßt.
Threads Official Blu-ray Trailer

Veröffentlicht am: 05.12.2017

Laufzeit: 0:02:20

Sprache: englisch

Untertitel: ohne Untertitel

Severin Films ist eine US-amerikanische Filmproduktions- und Vertriebsfirma, die insbesondere provokative Filme restauriert und vertreibt.

Am 13. Januar 2018 um 8.07 Uhr schien auf Hawaii das Ende der Welt gekommen zu sein. »Eine ballistische Rakete ist im Anflug. Suchen Sie sofort Schutz! Dies ist keine Übung!«, lautet die Alarmnachricht, die von der Katastrophenschutzbehörde EMA des US-Bundesstaats über SMS, Funk und Fernsehen verbreitet wurde. Panik brach aus, die Menschen fürchteten, der nordkoreanische Diktator Kim Jong-Un habe seine Drohung wahr gemacht und griffe Hawaii mit einer Atombombe an. Menschen suchten Zuflucht in Kellern und in der Kanalisation. Glücklicherweise erwies sich der Alarm sehr schnell als Irrtum, nach 38 Minuten kam die Entwarnung: Es bestehe keine Gefahr.

Diese auf den ersten Blick skurril erscheinende Episode sollte uns aber nicht dazu verleiten, die Gefahr eines Atomkriegs zu unterschätzen. Die Atomkriegsuhr, mit der die Wissenschaftler des »Bulletin of Atomic Scientists« das Risiko eines Atomkriegs messen, steht 2018 auf zwei Minuten vor zwölf. Sowohl die USA als auch Russland behalten sich ausdrücklich den Ersteinsatz von Nuklearwaffen vor. Dennoch unterhält der deutsche Staat seit dem Jahr 2007 keine Schutzräume mehr. Begründung: »Ein globaler Nuklearkrieg erscheint sehr unwahrscheinlich, aber nicht unmöglich. Sein Schadensausmaß wäre allerdings so katastrophal, dass sich die Frage des Bevölkerungsschutzes nicht mehr stellen dürfte.« Wenn alle gleich tot sind, muss man sich natürlich keinen Kopf über das postapokalyptische Leben zerbrechen. Aber so einfach werden wir nicht davonkommen.

Das Dokudrama »Threads« der BBC aus dem Jahr 1984 zeigt am Beispiel von zwei Familien in der nordenglischen Stadt Sheffield, welche Folgen ein massiver Atomschlag gegen Großbritannien tatsächlich haben könnte. Der Fernsehfilm war lange nicht verfügbar, aber Anfang 2018 haben gleich zwei Unternehmen digital aufbereitete Fassungen neu auf den Markt gebracht. Die Autoren haben hervorragend recherchiert und ersparen den Zuschauern keines der grausigen Details. Eine internationale Krise setzt zuerst einen begrenzten, dann aber sehr schnell einen globalen atomaren Schlagabtausch in Gang. Eine Atombombenexplosion hoch über der Nordsee löst einen so genannten elektromagnetischen Puls (EMP) aus, der die Stromversorgung flächendeckend lahmlegt. Wenig später explodiert eine Atombombe in niedriger Höhe über Sheffield. Gebäude und Menschen verbrennen in der intensiven Strahlung des bis zu 10 000 Grad heißen Feuerballs. Der Luftdruck zerstört Gebäude, drückt Fensterscheiben ein und zerreißt Menschen und Tieren die Lungen. Der radioaktive Fallout macht die Überlebenden krank.

Das Ausmaß der Katastrophe überfordert die Behörden. Die öffentliche Ordnung bricht zusammen. Die Versorgung mit Strom und Trinkwasser fällt aus. Die Krankenhäuser sind weitgehend zerstört, Straßen blockiert. Millionen Menschen sind obdachlos, weil ihre Häuser verbrannt oder unbewohnbar geworden sind.

Der weltweite Atomkrieg bläst hunderte Millionen Tonnen Rauch und Staub in die obere Atmosphäre. Die Teilchen verdunkeln die Sonne, und die Temperaturen sinken binnen weniger Tage um bis zu 25 Grad. Ein Großteil der Nahrungsmittelvorräte verdirbt, die nächste Ernte in aller Welt fällt zum großen Teil aus. Die Ozonschicht nimmt schweren Schaden, der Aufenthalt im Freien wird gefährlich. Nach der Katastrophe, so erklärt der Film, hat Geld keine Bedeutung mehr: Die einzige Währung ist Nahrung. 10 bis 20 Millionen nicht begrabene Leichen schätzt der Film allein für Großbritannien, weil die Ressourcen nicht ausreichen, um sie einzusammeln und Massengräber auszuheben. In der eisigen Kälte des nuklearen Winters verlassen die Menschen die Städte auf der Suche nach Nahrung. Die Strahlenkrankheit fordert immer mehr Opfer, Seuchen breiten sich aus, eine ausreichende medizinische Versorgung ist nicht mehr möglich.

Der Film trägt den rätselhaften Titel »Threads«, also »Fäden«. In der Einleitung des Films erklärt ein Sprecher: »In einer städtisch geprägten Gesellschaft ist alles miteinander verbunden. … Aber was die Gesellschaft stark macht, ist auch der Schlüssel für ihre Verwundbarkeit.« Die dicht geknüpften Fäden des zivilisatorischen Netzes werden nach einem weltweiten massiven Atomkrieg wahrscheinlich reißen, und die moderne Welt wird in ein neues Mittelalter zurückfallen.

Das gilt erst recht für die heutige Gesellschaft. Städte und Dörfer verfügen über eine zentrale Versorgung mit Wasser und Strom. Treibstoff für den Verkehr und Erdgas für Heizungen werden ständig nachgeliefert. Über Telefon, Internet und Mobilfunk sind die Bürger jederzeit miteinander verbunden. Die mechanisierte und durchrationalisierte Landwirtschaft erzielt dank der Versorgung mit Dünger und Schädlingsbekämpfungsmitteln Spitzenerträge.

Die nukleare Abrüstung hat zwar inzwischen dazu geführt, dass die Explosivkraft aller Bomben eines globalen Schlagabtauschs wesentlich geringer wäre als damals angenommen, die Auswirkungen blieben aber vergleichbar. Die Infrastruktur ist heute eher noch empfindlicher geworden, weil ein Großteil der Digitaltechnik den mit nuklearen Explosionen verbundenen elektromagnetischen Puls nicht überstehen würde.

Im Jahr 1984 bedrohten sich nur zwei Blöcke mit gegenseitiger atomarer Vernichtung, heute besitzen bereits neun Staaten Atomwaffen. Wie eine Arbeitsgruppe des Physikers C.F. von Weizsäcker schon 1971 nachwies, kann man mit Hilfe der Spieltheorie bei zwei Akteuren eine Erfolg versprechende Strategie zur Konfliktvermeidung berechnen. Die Komplexität der Beziehungen von neun Atommächten überfordert jedoch jedes mathematische Modell. Der zunehmende Einsatz von künstlicher Intelligenz könnte das Risiko weiter erhöhen, warnte jüngst die Denkfabrik Rand Corporation. Heutzutage ist deshalb die Gefahr eines Atomkriegs buchstäblich unberechenbar, und der Film »Threads«, so altmodisch er teilweise daherkommt, hat an Aktualität nichts verloren.

Threads, DVD von Simply Media, UK, 2018

Threads, Blu-Ray von Severin Films, USA, 2018

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