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Bernhard Hoëckers Gute Frage: Warum sind Ebbe und Flut an verschiedenen Stellen unterschiedlich hoch?

An der Küste von Wales fragt sich Bernhard Hoëcker , wie es denn sein kann, dass manche Küsten so hohe Unterschiede zwischen Ebbe und Flut haben. Physiker und »Spektrum«-Redakteur Mike Beckers begibt sich zur Antwort auf eine abgelegene Insel, wo er den Tidenhub anschaulich zwischen Wind und Meeresrauschen erklärt.
Bernhard Hoëckers Gute Frage: Warum sind Ebbe und Flut an verschiedenen Stellen unterschiedlich hoch?

Veröffentlicht am: 16.11.2019

Laufzeit: 0:05:17

Sprache: deutsch

Ich bin gerade auf einer kleinen Insel mitten im Ozean, und während die Flut bei dir in Wales um locker zehn Meter steigt, macht der Unterschied zwischen Ebbe und Flut hier gerade einmal einen Meter aus. Die verschieden hohe Flut muss also was mit der langen, steilen, zerklüfteten Küste bei dir in Wales zu tun haben. Zumindest ist das der offensichtliche Unterschied. Übrigens, weil du die Zentrifugalkraft erwähnt hast: Ja, man kann Ebbe und Flut mit dieser Scheinkraft erklären, aber das ist verwirrend und unnötig kompliziert. Es reicht, wenn man sich einfach nur die Anziehungskraft des Mondes anschaut. Der Mond zieht die Teile der Erde ein wenig stärker an, die näher an ihm dran sind. Das heißt, das Wasser auf der mondzugewandten Seite fällt im Weltall gewissermaßen am schnellsten in Richtung Mond. Die Mitte der Erde kommt etwas langsamer hinterher, und das andere Ende ist besonders schwerfällig. So entstehen zwei Flutberge. Und weil sich die Erde in 24 Stunden einmal dreht, läuft jeder Punkt an der Oberfläche alle zwölf Stunden unter einem der beiden durch.

Und jetzt kommen die Küsten ins Spiel. Der Flutberg läuft nicht ungestört um die Erde, sondern prallt immer mal wieder auf Land. Dabei zwingt die Form der Küste das Wasser auf bestimmte Wege. Wenn so eine Bucht wie bei dir die Form eines Trichters hat, fließt viel Wasservolumen in eine jeweils kleinere Fläche. Während die Welle in den Trichter drückt, kann das Wasser nur nach oben ausweichen und steigt höher. Das erklärt aber noch nicht solche Extremfälle wie bei dir in Wales oder auch in Kanada, wo die Rekordhalterküsten in puncto Tidenhub liegen. Dort ergibt sich ein weiteres Phänomen aus der Physik, die Resonanz. Also der Fall, bei dem sich – ganz allgemein – Schwingungen aufschaukeln. Und das kommt natürlich ebenso bei Wasser vor.

Wasser, das in eine sehr lange Bucht einläuft, muss ja erstmal bis zu ihrem Ende rein- und später wieder zurückfließen. Das kann lange dauern, zumal Wellen langsamer laufen, wenn das Gewässer flacher wird. Aber nach zwölf Stunden kommt vorne ja schon der nächste Flutberg. Wenn dann gerade die innere Welle wieder zurückkommt, überlagern sich beide Wassergipfel und laufen mit mehr Wasservolumen als höhere Welle erneut rein, später zurück, treffen auf den nächsten Flutberg, und so weiter. Das schaukelt sich bei den passenden geografischen Gegebenheiten auf. Das nennt man dann Tideresonanz. Und wegen solcher Effekte steigt die Flut bei dir in Wales so hoch.

Und daran, dass nicht überall entlang des Flutbergs gleichzeitig Flut ist, ist ebenfalls die Küstenform schuld, denn an der muss das Wasser entlang. Wenn die Welle an einer Stelle einläuft, dreht das Wasser je nach Relief der Küste erstmal eine lange Runde und kommt an verschiedenen Punkten zu ganz unterschiedlichen Zeiten an. Während am Eingang eines Beckens zum Beispiel schon die nächste Flutwelle anrollt, ist an anderer Stelle noch Niedrigwasser. So hat jedes Fleckchen Erde seine ganz eigenen Bedingungen und Zeiten für Ebbe und Flut. Das kann relativ einfach oder ziemlich kompliziert sein. Die Küste ist überall auf ihre eigene Art faszinierend.

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