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Wir Werden Alle Sterben: Das Problem mit der Reproduktionszahl R

Auch wenn R kleiner als eins ist, schrumpft die Epidemie nicht immer und überall. Im Gegenteil, es gibt immer wieder Ausbrüche. Das hat statistische Gründe.
Die Reproduktionszahl R

Veröffentlicht am: 03.05.2020

Laufzeit: 0:04:35

Sprache: deutsch

Hallo und herzlich willkommen zu einer neuen Folge von Wir Werden Alle Sterben, dem Wissenschafts-Videocast auf Leben und Tod. Alle reden derzeit von der Reproduktionszahl R und dass sie in Deutschland zurzeit unter eins ist. Das bedeutet: Wer mit Corona infiziert ist, steckt im Durchschnitt weniger als eine Person an.

Deswegen sinkt die Zahl der Infizierten, und die Epidemie schrumpft. Allerdings muss man da zwei Aspekte im Blick behalten. Zum einen kann sich das jederzeit wieder ändern. Zum anderen bedeutet das nicht, dass die Epidemie überall gleichmäßig schrumpft. Es gibt aus statistischen Gründen immer wieder kleinere und größere Ausbrüche, auch wenn die Reproduktionszahl insgesamt unter eins ist. Es ist also absolut keine Garantie, dass die Infizierten um euch herum immer weniger werden.

Der Grund ist, dass sich hinter dem Durchschnittswert R eine große Schwankungsbreite verbirgt. Zum Beispiel gibt das RKI die R derzeit mit 0,75 an. Das bedeutet, im Durchschnitt stecken vier Infizierte nur drei weitere Leute an. Aber das heißt nicht, dass drei Viertel aller Leute genau eine Person anstecken und der Rest keine. Es kann auch sein, dass von unseren vier Opfern drei niemanden anstecken und eins drei weitere.

Denken wir mal weiter und gucken uns an, was das für die Ansteckungsketten bedeutet. Also quasi die Mini-Epidemien, die von jeder angesteckten Person ausgehen, wenn die angesteckten Personen ihrerseits wieder im Durchschnitt 0,75 andere anstecken. Statistisch enden die Infektionsketten nach durchschnittlich vier angesteckten Personen. Die Epidemie schrumpft insgesamt.

Aber nicht zwangsläufig lokal. Denn die vier Infizierten aus unserem Beispiel vorhin stecken statistisch zuvor noch zwölf weitere Menschen an – und die konzentrieren sich jetzt auf die vierte Person, die drei andere angesteckt hat. Das heißt, Freunde und Verwandte dieser Person werden feststellen, dass in ihrem Bekanntenkreis nach und nach immer mehr Leute krank werden.

Und das passiert, obwohl die Reproduktionszahl insgesamt deutlich unter 1 ist und die Mehrzahl der Leute in diesem Cluster niemanden mehr angesteckt haben. Was unser Beispiel auch zeigt: Superspreading-Ereignisse, bei denen einzelne Personen ungewöhnlich viele Leute anstecken, haben eine überproportionale Bedeutung für größere Ausbrüche.

Auf die ganze Bevölkerung bezogen heißt das, auch bei einer schrumpfenden Epidemie sind relativ große lokale Ausbrüche nicht ungewöhnlich, sogar noch viel größer als in unserem Beispiel. Das bedeutet, auch wenn die Reproduktionszahl unter 1 ist, kann es jederzeit passieren, dass ihr euch in der Mitte eines solchen statistischen Ausbruchs wiederfindet und plötzlich mehr Infizierte um euch habt als vorher.

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