Direkt zum Inhalt

Sciencefiction: Space Opera – Beijing Style

Der chinesische Sciencefiction-Film »Die wandernde Erde« hat Anfang 2019 in China alle Kassenrekorde gebrochen. In Deutschland und den meisten anderen Ländern der Welt hat sich Netflix die Ausstrahlungsrechte gesichert. Was zeichnet den Film aus?
Sciencefiction: Space Opera – Beijing Style

Veröffentlicht am: 30.04.2019

Laufzeit: 0:02:24

Sprache: Mandarin UT

Auf die Sonne ist normalerweise Verlass. Nach den Berechnungen der Astronomen wird sie noch mehrere Milliarden Jahre mit langsam ansteigender Intensität ihre Energie abgeben, bevor sie sich kurz vor ihrem Tod zum roten Riesenstern aufbläht. Ihr Durchmesser steigt dann enorm an, sie verschluckt die innersten Planeten Merkur und Venus und strahlt mehr als 1000-mal so viel Energie ab wie heute. Der Erde bekommt das schlecht, die Temperatur auf ihrer Oberfläche würde so weit steigen, dass alle Ozeane verdunsten und selbst die Felsen zu glutflüssiger Lava zerfließen.

Was aber, wenn sich die Astronomen verrechnet haben und die Sonne bereits jetzt mit der tödlichen Aufheizung beginnt? Die Menschen könnten vielleicht auf den Mars umziehen oder, wenn es dort noch zu warm sein sollte, auf einen Jupitermond. Im Film »Die wandernde Erde« entscheiden sich die Menschen für eine ganz radikale Lösung: Sie heben die Erde aus ihrer Umlaufbahn und reisen mit ihr binnen 2500 Jahren zum nächstgelegenen Stern, Alpha Centauri. Hunderte gigantischer Raketentriebwerke, die wie riesige Türme in Äquatornähe stationiert sind, halten die Drehung der Erde an und schieben unseren Heimatplaneten langsam aber stetig weiter von der Sonne weg. Dadurch wird es auf der Oberfläche ungemütlich kalt. Deshalb ziehen sich die mehr als drei Milliarden auf der Erde verbliebenen Menschen in riesige unterirdische Städte zurück. Auf der Oberfläche bauen gigantische Bagger ganze Gebirge ab. Sie dienen, zu Staub zermahlen, den Raketentriebwerken als Treibstoff. Legionen von überdimensionalen Lastwagen sorgen bei frostigen Temperaturen von unter -80 Grad Celsius für den Transport.

Die Idee stammt aus einer Kurzgeschichte des in China hochberühmten Schriftstellers Liu Cixin. Im Westen wurde er durch seinen 2014 auf Englisch erschienenen Roman »Die drei Sonnen« bekannt. Im Jahr 2015 erhielt Liu als erster Chinese den Hugo-Award für den besten Sciencefiction-Roman. Inzwischen sind auch weitere seiner Romane und Kurzgeschichten auf Deutsch erhältlich. Seine Bücher vermitteln einen im Westen heute wenig verbreiteten technischen Optimismus. Neue Erfindungen und geniale Ideen lösen die Probleme der Menschheit oder schenken ihr den Sieg gegen außerirdische Feinde. Die Helden seiner Romane sind Wissenschaftler oder Ingenieure. Aber auch sie können sich verrechnen, wie sich im Film sehr schnell zeigt. Durch ein Swing-by an Jupiter soll die Erde zusätzlich Geschwindigkeit gewinnen, um schließlich mit bis zu 0,5 Prozent der Lichtgeschwindigkeit Kurs auf Alpha Centauri zu nehmen. Als Swing-by bezeichnet man einen engen Vorbeiflug an einem großen Himmelskörper, bei dem ein kleinerer Körper Schwung aufnimmt. Leider führt die gewaltige Anziehungskraft des Jupiters zu unerwartet starken Erdbeben, die wiederum die gewaltigen Raketentriebwerke ausblasen. Der fehlende Schub verändert die Bahn der Erde, so dass sie in Jupiter zu fallen droht. Und damit bricht die Zeit echter chinesischer Helden an. Unter gewaltigen Opfern versuchen sie alles, um die Erde wieder auf Kurs zu bringen. Der Film ist in jeder Hinsicht monumental. Er setzt sein kosmisch-existentielles Thema visuell überwältigend um. Die computergenerierten visuellen Effekte sind sehr gut umgesetzt. Immer wieder sehen wir vereiste Landschaften und gigantische Raketentriebwerke, deren blaue Feuerstrahlen von der Erde in den Weltraum ragen. Der bedrohlich herannahende Jupiter beherrscht bald den kompletten Himmel. Das London Symphony Orchestra sorgt für eine passende Musikuntermalung. Die Handlung trieft vor Pathos und Heldentum. Gäbe es den Begriff »Space Opera« nicht schon, man hätte ihn eigens für diesen Film erfinden müssen.

Die Idee, dass sich für die großen Probleme der Menschheit technische Lösungen finden werden, hat in China heute viele Anhänger. Überall entstehen riesige Städte, Straßen und Brücken. Ein Netz ultramoderner Hochgeschwindigkeitszüge verbindet die großen Städte. Das Land baut seine eigene Weltraumstation und möchte schon bald Menschen auf dem Mond bringen. Auch die globale Erwärmung und der Anstieg des Meeresspiegels sind aus chinesischer Sicht in erster Linie ein Ingenieurproblem. Neue Kernkraftwerke, Kernfusionsanlagen, eventuell sogar Solarkraftwerke im Weltraum, werden schon rechtzeitig damit fertig werden. Wie realistisch sind diese Ideen? Die im Film gezeigten technischen Lösungen würden jedenfalls nicht funktionieren. Wollte man die Erde mit der geplanten Geschwindigkeit zum nächstgelegenen Sonnensystem transportieren, dann müsste man dazu einen großen Teil der Erdmasse durch die Raketentriebwerke jagen. Jenseits der Neptunbahn würde die Erdatmosphäre gefrieren und als Schnee auf den Boden rieseln. Die Lastwagen und Bagger, die für den Nachschub an Treibstoff sorgen, sind sichtlich nicht für den Betrieb in einem extrem kalten Vakuum ausgelegt. Der befreiende Stoß, der die Erde schließlich an Jupiter vorbeilenkt, würde so massive Erdbeben auslösen, dass in den unterirdischen Städten kein Stein auf dem anderen bliebe. Das zeigt schon eine Überschlagsrechnung. Der Asteroid, der die Dinosaurier ausgerottet hat, war mit seinen zehn Kilometern Durchmesser viel zu klein, um die Bahn der Erde zu verändern. Seine Masse hätte mehr als 1000-mal so groß sein müssen, um eine erkennbare Wirkung zu erzielen. Dann hätte er aber wohl alles höhere Leben auf der Erde vernichtet.

Der Film feiert die in China verbreitete Auffassung, dass sich mit Improvisationstalent, Disziplin und Opferbereitschaft auch die größten Probleme technisch lösen lassen. Aber der Film baut Illusionen auf, seine Botschaft beruht auf falschen Voraussetzungen. Letztlich unterstützt er das trügerische Gefühl, dass sich für alle weltweiten Herausforderungen rechtzeitig Lösungen finden werden, ohne dass die Menschheit sich einschränken muss. Die globale Erwärmung und der Meeresspiegelanstieg drohen die Menschheit in wenigen Jahrzehnten zu überrollen. Im Film haben die Menschen keinen Einfluss auf die Sonne. Wir aber haben es in der Hand, die Treibhausgasemissionen zurückzufahren, bevor uns die Auswirkungen überwältigen. Für technische Lösungen könnte es dann zu spät  sein.

Lesermeinung

Wenn Sie inhaltliche Anmerkungen zu diesem Artikel haben, können Sie die Redaktion per E-Mail informieren. Wir lesen Ihre Zuschrift, bitten jedoch um Verständnis, dass wir nicht jede beantworten können.

Partnervideos