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Urbane Arten: Express-Evolutionskünstler triumphieren in der Stadt

Einige Arten haben es geschafft, sich an die neuen Bedingungen des Anthropozäns anzupassen. Ein Dokumentarfilm zeigt kuriose Beispiele verschiedener Überlebenskünstler weltweit.
© https://www.arte.tv/de/videos/085382-000-A/evolution-im-grossstadtdschungel/
Express-Evolutionskünstler triumphieren in der Stadt

Veröffentlicht am: 25.04.2020

Laufzeit: 0:01:15

Sprache: deutsch

Der öffentlich-rechtliche Sender ARTE ist eine deutsch-französische Kooperation mit Schwerpunkt Kultur und Gesellschaft.

Immer mehr Menschen ziehen vom Land in die Städte. Wald und Felder verschwinden unter Beton. Dauerbeleuchtung verwirrt Vögel und lockt Myriaden Insekten in eine Todesfalle. Wo Menschen leben, hat die Natur keinen Platz, sollte man meinen. Doch manche Arten haben es geschafft, aus der Not eine Tugend zu machen. Sie haben sich an die neuen Bedingungen quasi in einer Expressevolution angepasst. Was bedeutet das für die Artenvielfalt? Wird es bald eine neue Generation urbaner Arten geben?

Der Dokumentarfilm »Evolution im Großstadtdschungel« geht beiden Fragen nach. Er begleitet verschiedene Forscher auf der ganzen Welt, die diverse Tiere und Pflanzen in Großstädten sowie auf dem Land untersuchen. Dabei zeigt sich, wie vom Menschen dominierte Areale neue Lebensräume und Nahrungsketten schaffen können. Auf städtischen Grünflächen ist die Artenvielfalt oftmals höher als auf dem Land, wo der Einsatz von Pestiziden zu einem extrem verarmten Ökosystem führt. Aber auch bewusst angesiedelte Neozoen passen sich erstaunlich schnell an.

So zum Beispiel die Welse im französischen Albi. Seit 1983 leben sie im städtischen Fluss – und das recht gut. Denn das Essen wird ihnen hier direkt »frei Fluss« serviert. Tauben, die zum Baden ans Ufer kommen, sind eine leichte Beute für die Fische, die gelernt haben, sich für die Jagd auch aus den tieferen Gewässern wegzubewegen. Die entlang der nordamerikanischen Atlantikküste beheimateten Killifische sind in Hafenbecken oder im Bereich von Flussmündungen der hoch giftigen Industriechemikalie PCB ausgesetzt, die bei Fischen normalerweise zu Herzversagen führt. Nicht aber bei den Bewohnern der verseuchten Gewässer. Sie haben ihren Stoffwechsel umgestellt, auf eine Weise, die sich vielleicht sogar medizinisch nutzen lässt.

Der Film von Sagamedia spart nicht mit kuriosen und unerwarteten Beispielen, bei denen Biologen Anpassungen an das Stadtleben gefunden haben. Übrigens auch im Pflanzenreich: Der mediterrane Löwenzahn, der Pippau, wächst in Südfrankreich nun ebenso auf winzigen Bauminseln, weil er seine Samen eben nicht mehr möglichst weit streut, sondern nur noch in die unmittelbare Nachbarschaft.

 

Was der Film nur anreißt: Die Stadt ist kein Paradies aus Menschenhand. Sie schafft zum Beispiel Abhängigkeiten. Thailändische Stadtaffen sind darauf spezialisiert, den Touristen Futter abzuluchsen. Als die Besucher auf Grund der Coronakrise wegblieben, fehlte ihnen plötzlich ihre Nahrungsgrundlage. Stadttauben bezahlen ihren neuen Lebensraum mit Verstümmelungen an den Füßen.

Vor allem aber ist die Stadt keine Arche Noah. Verglichen mit dem Rest des Ökosystems bietet sie nur wenige Nischen; und Erfolg hat allein, wer mit dem speziellen urbanen Angebot klarkommt. Für viele Arten und ihre Ansprüche hält sie gar nichts bereit, ein Biber findet hier genauso wenig ein Auskommen wie ein Wolfsrudel. Vermeintliche Blitzevolution hin oder her. Denn so verblüffend manche Überlebensstrategien sein mögen, in Wahrheit sind die Anpassungen an den städtischen Raum minimal. Gegen die Zerstörung natürlicher Lebensräume, das macht der Film ebenfalls deutlich, hilft es weder, auf die Evolution zu hoffen, noch auf neue Nischen. Was hilft, ist einzig und allein, der Zerstörung ein Ende zu setzen. »Evolution im Großstadtdschungel« läuft am Samstag, 25. April um 21.45 Uhr bei arte.

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