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Mortal Engines: Action ohne Dampf

Philip Reeve hat in der Tetralogie »Predator Cities« eine komplexe dystopische Welt geschaffen. Peter Jacksons Verfilmung des ersten Bands wird der Vorlage leider nicht gerecht.
© Universal Pictures
Mortal Engines

Die Idee ist schon etwas ausgefallen: Nach einer globalen Katastrophe, ausgelöst durch den »60-Minuten-Krieg«, machen die Menschen ihre Städte mobil. Auf gigantische Räder oder Kettenlaufwerke montiert, fahren sie durchs Land und suchen nach Ersatzteilen, Rohstoffen oder Nahrung. Schnell entsteht eine mechanische Lebenswelt aus Raubtierstädten, Sammlern und Händlern. Schnell umgebaute Städte besetzen jede ökologische Nische. Eine maschinelle Evolution entsteht, in der nur die Anpassungsfähigen und Fantasievollen überleben. Große Städte jagen und verschlingen ihre kleinen Verwandten, käferartige Dörfer klauben einzeln laufende Menschen auf. Der seltsame Titel »Mortal Engines« – »sterbliche Maschinen« – erklärt sich aus der Idee, dass die Städte quasi zu beweglichen Organismen werden, die gefangen und getötet werden können. Anders als in der belebten Natur wachsen ihre Rohstoffe und Ersatzteile aber nicht nach. Deshalb kämpfen die »Traction Cities« verzweifelt um die schwindenden Ressourcen.

Nicht alle Menschen leben in dieser mechanischen Nachbildung eines Raubtier-Ökosystems. Die Antitraktionisten des Ostens bestehen darauf, wie bisher in festen Siedlungen zu leben. Um die fahrenden Städte fernzuhalten, haben sie den Schildwall errichtet, eine gewaltige Talsperre. Sie riegelt den einzigen Pass ab, den die gefräßigen Landdampfer passieren können.

In dieser sonderbaren Welt spielen die abenteuerlichen Jugendbücher des britischen Schriftstellers Philip Reeve. Der neuseeländische Filmproduzent Peter Jackson, bekannt für seine Verfilmung der Fantasy-Trilogie »Der Herr der Ringe«, trug sich seit 2009 mit dem Gedanken, daraus einen Film zu machen. Im Oktober 2016 begann er schließlich mit den Dreharbeiten. Die Regie übertrug er dem Filmtechniker Christian Rivers, mit dem er schon lange zusammenarbeitet. Seit dem 13. 12. 2018 läuft der Film in den deutschen Kinos. Wie das Buch richtet sich der Film an ein junges Publikum, andererseits ist er in Deutschland erst ab zwölf Jahren freigegeben. Jackson vereinfacht die sorgfältig ausgearbeitete dystopische Welt der Bücher sehr deutlich und verändert auch die Handlung an wesentlichen Stellen.

Die Stadt als Raubtier

Im Mittelpunkt steht die riesige, von gewaltigen Motoren angetriebene Raubtierstadt London. Im Film sieht sie aus, als hätte man die Aufbauten eines großen Kreuzfahrtschiffs auf Fahrgestelle von Braunkohlebaggern montiert. Auf der Spitze thront die Kuppel der St. Paul’s Cathedral und vorne wartet ein gewaltiges stählernes Maul darauf, kleinere Städte aufzunehmen. In der Welt des Films haben die Städte keine eigene Intelligenz. Computer existieren nicht mehr, die Zivilisation ist auf den Stand des ausgehenden 19. Jahrhunderts zurückgefallen.

Diese Sciencefiction-Richtung nennt man Steampunk. Sie führt die Visionen eines Jules Verne oder H. G. Wells fort und überträgt sie in die heutige Zeit. Poliertes Messing, gewaltige Dampfmaschinen, in sich verschlungene Rohrleitungen und präzise ineinandergreifende Zahnradgetriebe bestimmen die Optik dieses Genres. Die Geschichten sind entweder in einer Parallelwelt angesiedelt oder spielen, wie hier, in einer dystopischen Zukunft. Die Handlung beginnt mit einer erfolgreichen Jagd. Die Stadt London hetzt und verschlingt die kleine bayerische Bergbausiedlung Salzhaken. Unter den lebend gefangenen Bewohnern ist auch die junge Hester Shaw. Eine auffällige lange Narbe zieht sich über die linke Seite ihres Gesichts. Sie versucht vergeblich, Thaddeus Valentine zu töten, den Chefhistoriker von London. Historiker bilden neben den Navigatoren und den Ingenieuren eine wichtige Gilde der Stadt. Ihre Aufgabe ist es, aus alten Unterlagen die Position untergegangener Städte zu rekonstruieren, wo wertvolle Rohstoffe und Ersatzteile liegen könnten.

Nach einer wilden Verfolgungsjagd springt Hester durch den Abfallschacht aus der Stadt. Valentine stößt den jungen Nachwuchshistoriker Tom Natsworthy hinterher, weil der zu viel mitgehört hat.

Die Abenteuer von Tom und Hester

Der tollpatschige Lehrling Tom und die kratzbürstige Heldin Hester stolpern ab jetzt von einem Abenteuer ins nächste. Eine tausendfüßlerartige Siedlung nimmt sie auf, aber die Einwohner sind weniger freundlich, als sie zunächst aussehen. Eine schwer bewaffnete Asiatin in einem feuerroten Flugmobil rettet die beiden vor einem grausigen Ende. Von da an beginnt eine mit Filmzitaten gespickte Achterbahnfahrt durch die Genres Märchen, Sciencefiction, Fantasy und Horror mit den Stilrichtungen Steampunk, Dieselpunk und Gothic. Dabei bleibt jede Logik auf der Strecke. So begegnen wir dem mechanischem Wiedergänger Shrike mit grün leuchtende LED-Augen. Er hegt einen Groll auf Hester und verfolgt sie hartnäckig. Eine vor der Küste im Meer herumstaksende Stadt sieht aus, als hätte man eine Ölbohrplattform mit der mechanischen Riesenspinne aus dem Cyberpunk-Film »Wild, Wild West« gekreuzt. Einige der Fluggeräte sind offenbar vor langer Zeit in einer weit, weit entfernten Galaxis gestartet und gerade rechtzeitig zum Endkampf auf der Erde angekommen. London strahlt sie mit riesigen Flakscheinwerfern an und beschießt sie mit Geschützen vom Todesstern. Die letzte Konfrontation zwischen Gut und Böse ähnelt auffallend einer Schlüsselszene aus »Star Wars«. Und wie in Fantasy-Filmen üblich, muss ein Artefakt an einen gefährlichen Platz gebracht werden, um die ultimative Bedrohung abzuwenden. Manche Szenen sind durchaus liebevoll ausgestaltet, aber sie ergeben kein schlüssiges Ganzes.

Die ursprüngliche Idee des »Städte-Darwinismus« verliert der Regisseur leider schnell aus den Augen. Er kümmert sich auch nicht darum, welche Auswirkung eine solche Lebensweise auf die Menschen in den Städten haben würde. Anders als in den Büchern hat man nie das Gefühl, in eine faszinierende fremde Welt mit ganz eigenen Regeln einzutauchen. Damit hat der Film das Potenzial der Bücher leider weitgehend verschenkt.

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