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Umweltproblem in der Arktis: Giftmüll aus dem Eis

Vor 50 Jahren gab die US Army eine Forschungsstation in Grönland auf. Nun gibt das schwindende Eis Altlasten frei.
© Seeker
Giftmüll in Grönland

Eine Stadt unter dem Eis im Norden Grönlands? Das hört sich wie eines der vielen Märchen an, die von Verschwörungstheoretikern gerne verbreitet werden. In diesem Fall aber stimmt die Geschichte, und der Klimatologe William Colgan erforscht für den Geological Survey of Denmark and Greenland, was aus der großen Forschungsstation Camp Century geworden ist, die seit mehr als 50 Jahren verlassen ist und inzwischen tief unter dem grönländischen Eis verborgen liegt.

Die 1960er Jahre waren eine Zeit des Aufbruchs. Alles schien möglich – dem ersten Raumflug eines Menschen im Jahr 1961 folgte schon acht Jahre später die erste Mondlandung. Kleine und große Atomreaktoren versprachen unbegrenzte elektrische Energie. Bereits 1958 erreichte das Atom-U-Boot Nautilus nach einer langen Tauchfahrt als erstes Schiff den Nordpol.

Die Errichtung einer kleinen Stadt unter dem grönländischen Eis passte in die damalige Aufbruchstimmung. Von der US-Luftwaffenbasis in Thule an der grönländischen Nordwestküste brach im Jahr 1959 eine ganze Karawane von schneegängigen Fahrzeugen auf, um auf der eisigen Hochebene eine kleine Stadt unter dem Eis zu errichten. 200 Kilometer östlich von Thule hob das US Army Corps of Engineers eine Reihe von mehr als sechs Meter tiefen Gräben aus, die mit Wohncontainern ausgestattet und dann zugedeckt wurden, um unterirdische Stollen zu schaffen. Zum Glück für die Arbeiter lag auf der Oberfläche harschiger Schnee, der sich erst in vielen Metern Tiefe zu Eis verfestigte. Die Station lag 1800 Meter hoch und weit innerhalb des Polarkreises. Während des gesamten Jahres blieben die Temperaturen im Minusbereich, und so bestand keine Gefahr, dass Schmelzwasser von oben in die Stollen eindrang. Ein portabler Atomreaktor lieferte ausreichend Strom. Zeitweilig lebten mehr als 200 Soldaten in dem Stützpunkt. Zum Vergleich: Die große amerikanische Amundsen-Scott-Station am Südpol hat im antarktischen Sommer bis zu 150 Bewohner.

Das aufwändige Projekt sollte die Arktis erforschen und ist bekannt für die erste bis zum Gesteinsboden reichende Eisbohrung in Grönland. Die Army verfolgte aber auch militärische Ziele, die damals geheim bleiben mussten.

Vor 60 Jahren herrschte nicht nur ein aus heutiger Sicht erstaunliches Vertrauen in den technischen Fortschritt, damals war auch die hohe Zeit des Kalten Kriegs. Die USA und die Sowjetunion hatten ein gigantisches nukleares Waffenarsenal angehäuft und belauerten einander voller Misstrauen. Der kürzeste Weg zwischen den USA und der Sowjetunion läuft über die Arktis, und so bekamen Alaska und Grönland plötzlich eine überragende strategische Bedeutung für die USA. Auf der Luftwaffenbasis in Thule lagerten Atombomben, die einen eventuellen sowjetischen Atomschlag auf die USA hätten vergelten sollen. Langstreckenbomber waren als Träger für die Nuklearwaffen vorgesehen. Erst seit Anfang der 1960er Jahre brachten beide Seiten ihre neu entwickelten Interkontinentalraketen in Stellung.

Ende der 1950er Jahre entwickelten die Amerikaner die Idee, atomar bestückte Interkontinentalraketen in riesigen Tunnelsystemen unter dem ewigen Eis Grönlands zu verstecken. Auf einer Fläche von fast der doppelten Größe Bayerns sollten 600 Raketen unterhalb der Oberfläche auf Schienen bewegt werden, damit ein sowjetischer Militärschlag keine Chance hätte, sie komplett auszuschalten. Das Ganze lief unter dem sprechenden Namen »Project Iceworm«. In Camp Century wollte die Armee testen, ob eine solche Idee überhaupt durchführbar war. Im Jahr 1963 blies die Armee das Projekt ab, und damit entfiel ein wesentlicher Grund für die Unterhaltung von des Camps. Ab 1964 war die Station nur noch im Sommer besetzt und wurde drei Jahre später endgültig aufgegeben. Die Army holte den Atomreaktor zurück, ließ aber alles Übrige an Ort und Stelle. Mehr als 9000 Tonnen Baumaterial und zirka 20 000 Liter Dieseltreibstoff versanken langsam immer tiefer im Eis. Die Baumaterialien enthielten so genannte beständige organische Giftstoffe (persistant organic pollutants – POPs) in beträchtlichen Mengen, darunter die berüchtigten polychlorierten Biphenyle (PCBs). Auch leicht radioaktives Kühlwasser aus dem Reaktor blieb zurück.

Das alles hätte die Menschheit vor ihrem Aussterben höchstwahrscheinlich nie wieder zu Gesicht bekommen, käme nicht die globale Erwärmung dazwischen. Deshalb versuchen dänische und amerikanische Wissenschaftler festzustellen, wo die Überreste der Station jetzt liegen und ob es überhaupt möglich ist, irgendetwas zu unternehmen. Die Forschungen gestalten sich schwierig, denn auf der Oberfläche ist nichts mehr zu sehen. Eine Messung mit Bodenradar ergab, dass die zusammengedrückten Tunnel und Wohncontainer auf rund 30 Meter Tiefe abgesunken sind. Vorläufig wird man sie also nicht bergen können.

Sollte die globale Erwärmung ungebremst voranschreiten, verschwände in jedem Sommer mehr Eis, als der Neuschnee ersetzen kann. Würden die Staaten der Welt das Pariser Klimaabkommen einhalten, wird die Eisdecke über Camp Century dagegen vermutlich eher dicker werden. Das Eis fließt zwar der Küste entgegen, so dass die Reste der Station irgendwann das arktische Meer erreichen. Aber bis dahin wird wohl noch sehr viel Zeit vergehen. Andererseits ist natürlich die Frage erlaubt, ob bei einem Temperaturanstieg von mehr als vier Grad Celsius die Menschheit nicht drängendere Sorgen hat als die vergleichsweise geringe Abfallmenge einer aufgegebenen Station am Ende der Welt.

Nebenbei bemerkt hat auch Russland ein beträchtliches Problem mit Abfällen im Polargebiet. In hohen Norden steigen die Temperaturen etwa doppelt so schnell wie im Weltdurchschnitt. Sechs Grad Celsius oder mehr bis Ende dieses Jahrhunderts wären also keine Überraschung. Schon jetzt finden große Mengen giftiger Abfälle ihren Weg in die Umwelt. Die Flüsse tragen sie in den arktischen Ozean, der stellenweise bereits schwer belastet ist. Die Umweltsünden unserer Vorfahren werden also unsere Enkel wohl noch lange beschäftigen.

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