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Wir Werden alle Sterben: Klimakatastrophe schon durch regionalen Atomkrieg?

Wie viele Atombomben verursachen einen nuklearen Winter? Diese Frage ist nicht nur aktuell angesichts kleinerer Nuklearmächte und taktischer Atomwaffen, sondern auch klimatologisch interessant. Den solche Ereignisse hängen vom Verhalten der Aerosole ab - und die sind schwer zu modellieren.
© Lars Fischer, Mike Zeitz
Wir Werden alle Sterben: Klimakatastrophe schon durch regionalen Atomkrieg?

Heute widmen wir uns einer kontroversen wissenschaftlichen Debatte, die durch die aktuellen Ereingnisse wieder aktuell geworden ist: ob nämlich ein regionaler Atomkrieg einen globalen nuklearen Winter verursachen kann. Ursprünglich hatte man beim nuklearen Winter ja das Szenario des Kalten Krieges vor Augen: dass die beiden Supermächte im Kriegsfall alle ihre strategischen Nuklearwaffen aufeinander abfeuern.

Die über 50 000 auf dem Höhepunkt des Kalten Krieges vorhandenen Atomsprengköpfe hätten mit ziemlicher Sicherheit eine Klimakatastrophe verursacht. Die nuklearen Feuerbälle selbst sowie die Feuerstürme der brennenden Städte hätten so viel Staub und Asche in die Atmosphäre geschleudert, dass sich die Erde womöglich über Jahre abgekühlt hätte. Missernten und Nahrungsmangel wären die Folge gewesen.

Nun haben sich die Umstände etwas verändert. Während die totale nukleare Apokalypse etwas in den Hintergrund geraten ist, scheinen regionale nukleare Konflikte deutlich wahrscheinlicher zu werden – auch weil deutlich mehr Staaten inzwischen Atomwaffen haben. Der Raketenzwischenfall zwischen Indien und Pakistan jüngst verdeutlicht auch, wie schnell regionale Konflikte im Ernstfall nuklear eskalieren können. Gleichzeitig besteht die Möglichkeit, dass in lokalen Kriegen kleinere, so genannte taktische Atomwaffen auf Schlachtfeldern zum Einsatz kommen.

Die Rolle der Aerosole

Die große Frage ist jetzt, ob bereits begrenzte nukleare Konflikte mit einigen Dutzend bis etwa hundert Sprengköpfen einen katastrophalen nuklearen Winter verursachen können. Diese Frage ist dadurch ganz besonders interessant, weil sie gleich mehrere Aspekte umfasst, bei der moderne Klimamodelle noch an ihre Grenzen kommen. Zum einen nämlich geht es dabei um sehr energiereiche und extrem dynamische Ereignisse, und zum anderen spielen dabei Aerosole eine große Rolle. Und welche Rolle letztere für das Klima spielen, hängt stark von der Quelle der feinen Patikel und ihrem genauen Verhalten ab. So streiten Fachleute bis heute, ob Aerosole aus brennenden Wäldern die Erde kühlen oder aufheizen.

Im Jahr 2007 jedenfalls untersuchte der Klimatologe Alan Robock die Frage – mit eindeutigem Ergebnis. Rund fünf Millionen Tonnen Ruß würden in die Stratosphäre gelangen und das Sonnenlicht abschirmen. Dadurch würde die Temperatur, so das damalige Modell, um ein bis zwei Grad fallen. Der erste Winter nach dem Krieg wäre extrem Kalt, der Zusätzliche Schnee strahlt weiter wärme zurück, durch die niedrigen Temperaturen verdunstet weniger Wasser. Mehrere trockene, kühle Jahre brächten Missernten, Nahrungsmangel und Instabilität.

Das alles klingt sehr nachvollziehbar, und in den Jahren danach schienen Modelle das Szenario zu bestätigen. Alles klar also? Nicht ganz. Der Knackpunkt ist, was mit den Aerosolen passiert. Im Jahr 2018 rechneten Fachleute um Jon Reisner vom Los Alamos National Laboratory das Szenario mit einem eigenen Klimamodell durch. Und in dieser – bis heute umstrittenen – Simulation schaffen es die feinen Rußteilchen nicht in die Stratosphäre, sondern regnen vorher als Fallout ab.

Eine zu rosige Sicht auf den Atomkrieg?

Der Witz bei Reisners Analyse ist, dass er die Brände und die von ihnen ausgehenden Rauchsäulen separat simulierte. Das Ergebnis: Damit der Ruß in die Atmosphäre gelangt, reichen normale Brände nicht aus. Den nötigen Auftrieb erreicht nur ein Feuersturm. Und der entsteht längst nicht immer. Damit entstehende Brände zu einem sich selbst verstärkenden Feuersturm zusammenschließen, muss auf einer Fläche von mehr als einem Quadratkilometer mehr als 40 Kilo brennbares Material pro Quadratmeter sein.

Das ist ein Erfahrungswert aus dem zweiten Weltkrieg. Moderne Städte allerdings sind längst nicht mehr so dicht bebaut, analysierte Reisner, unter anderem wohl wegen des Platzbedarfs für moderne Autos. Reisners Analyse wird von vielen Fachleuten kritisch gesehen. Es steht der Verdacht im Raum, dass er die Bebauungsdichte in der Simulation etwas sehr niedrig angesetzt hat und man in Los Alamos womöglich ein Interesse hat, die Auswirkungen eines Atomkriegs weniger dramatisch darzustellen. Aber die Frage nach Auswirkungen und Verhalten der entstehenden Aerosole ist schlicht nicht sicher beantwortet. Laut der Analyse von Reisner und seinem Team jedenfalls machen 100 Atombomben für das Weltklima keinen großen Unterschied.

Wir verdanken es demnach also tatsächlich zumindest zum Teil dem Automobil, dass ein begrenzter Atomkrieg nicht zum mehrjährigen Klimakollaps führt. Das Problem an der Sache ist natürlich, dass ein begrenzter Atomkrieg leicht eskalieren und zum totalen Atomkrieg führen kann. Und ich fürchte, wenn wir statt hundert gleich einige tausend explodierende Atomsprengköpfe haben, macht es nicht mehr allzu viel Unterschied, ob man die Brände nun separat simuliert oder nicht. Deswegen wäre es wohl auch im Sinne des globalen Klimas vermutlich klüger, wenn alle Beteiligten auf den Einsatz von Atomwaffen einfach komplett verzichten würden.

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