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Filmkritik: »Venom«: Lange Zähne, trotzdem kein Biss

Der neueste Ausflug ins Marvel-Universum zeigt einen Alien-Symbionten, der seinem menschlichen Wirt - was sonst? - Superkräfte verleiht. Der Film ist allerdings eher kraftlos: Selbst das Draufhauen läuft bei der gleichnamigen Band besser.
© Sony Pictures Entertainment
Venom - Official Trailer HD

Der Film beginnt mit einem Absturz. Ein dem Spaceshuttle ähnelndes Forschungsraumschiff der fiktiven »Life Foundation« gerät beim Eintritt in die Erdatmosphäre außer Kontrolle und zerschellt auf dem Boden. Bei einer zufälligen Begegnung mit einem Kometen hatte es außerirdische Lebensfomen gefunden und einige Exemplare mitgenommen. Die Probengefäße bleiben bei dem Aufprall glücklicherweise unbeschädigt.

Zufällig vorbeirasende Kometen mit Aliens auf der Oberfläche gibt es eigentlich nur im Märchen – oder im Marvel-Universum. Und genau dort ist der Film angesiedelt, in jener sagenhaften Comicwelt, wo auch der unwahrscheinliche Hulk, der Spider-Man und der Iron Man wohnen. Physikalische Gesetze haben hier nur sehr begrenzte Gültigkeit. Trotzdem hätten sich die Drehbuchautoren eine wenigstens in Ansätzen plausible Geschichte für die Herkunft ausdenken können.

Die Life Foundation, angeführt von dem bösen Genie Dr. Carlton Drake, holt die Aliens zur weiteren Untersuchung in ihr Labor in San Francisco. Sehr eindrucksvoll sehen sie nicht aus, wie übergroße schwarze Amöben oder Schleimpilze auf Speed. Unter irdischen Bedingungen können sie nicht lange überleben, sie brauchen einen irdischen Organismus, mit dem sie zum gegenseitigen Nutzen eng zusammenarbeiten. Biologen sprechen in diesem Fall von einem Symbionten.

Unglaubwürdige Symbiose

Auf der Erde gibt es dafür durchaus Vorbilder: Die auf vielen Steinen wachsenden anspruchslosen Flechten bestehen aus einem Pilzgeflecht mit eingelagerten Grünalgen oder Cyanobakterien. Die Partner leben viele hundert Millionen Jahre zusammen und bilden inzwischen eine gut aufeinander abgestimmte Gemeinschaft. Ein außerirdischer Organismus kann aber nicht erwarten, dass sich eine irdische Lebensform findet, mit er sich gleich perfekt versteht.

Carlton Drake sind solche Bedenken fremd. Er befiehlt, den Aliens Menschen als potenzielle Symbionten vorzuwerfen. Für die Beteiligten endet das erwartungsgemäß tödlich.

Aber jetzt schlägt die Stunde des Reporters Eddie Brock. Ein sechs Monate zurückliegender Zusammenstoß mit Drake kostete ihn Job und Freundin, aber jetzt bekommt er unverhofft die Gelegenheit, bei der Life Foundation illegale Machenschaften aufzudecken. Dabei trifft er den Außerirdischen »Venom«, der sich buchstäblich in ihn hineinschleimt. Die beiden müssen sich zwar aneinander gewöhnen, aber Eddie gewinnt bald Superkräfte, wird kugelfest und kann schwarze Pseudopodien austreiben, die bei Bedarf wie Fäuste oder Seile wirken. Bis die beiden perfekt miteinander klarkommen, benimmt der Reporter sich zum Entsetzen seiner Umwelt allerdings nicht gerade normal. Der Schauspieler Tom Hardy als Eddie Brock entwickelt dabei ein beachtliches komödiantisches Talent.

Venom, dessen Körper mit dem des Reporters verschmolzen ist, erweist sich als intelligentes Wesen, das sich mit Eddie auf telepathischem Wege verständigt. Im Film hört sich das an, als hätte man die Stimme von Bruce Willis zwei Oktaven tiefer gelegt.

Als der Symbiosevorgang abgeschlossen ist, sehen die beiden im Ruhezustand wie Eddie aus, aber im Kampfmodus verwandeln sie sich in Marvels Comicfigur Venom: Ein zwei bis zehn Meter großer, glänzender schwarzer Menschenkörper mit einem Schlangenkopf. Sein Gebiss ist ein eindrucksvolles Dickicht von weiß polierten Säbelzähnen. In alle Richtungen ausfahrende Tentakel oder Pseudopodien packen, prügeln oder durchbohren die bedauernswerten Gegner.

Schrott im Plot

Wie wahrscheinlich ist eine spontane Symbiose zwischen einem außerirdischen Schleimpilz und einem Menschen zwecks Entstehung einer Superkreatur? In der wirklichen Welt außerhalb des Marvel-Universums wäre ein Wesen wie Venom unmöglich. Eine echte Symbiose entwickelt sich evolutionär, also sehr langsam. Ein außerirdischer Schleimpilz würde einen menschlichen Körper beim Eindringen schlicht zerstören. Fairerweise muss man aber sagen, dass die Gesetze der Physik kein Maßstab für die Qualität von Marvel-Filmen sind. Spannung, Witz, unerwartete Wendungen in der Handlung und sehenswerte Kämpfe bestimmen den Unterhaltungswert solcher Fantasyfilme.

Leider funktioniert der Film aber auch auf dieser Ebene nicht. Tom Hardy bemüht sich redlich, aber das Drehbuch gibt ihm wenig Chancen. Die Charaktere wirken blass, den hölzernen Dialogen fehlt jeder Witz, die Handlung ist vorhersehbar. Selbst die Kämpfe sind wenig unterhaltsam und wirken – im wahrsten Sinne des Wortes – blutleer. Die Figuren verlieren keinen Tropfen Blut, egal wie sehr sie misshandelt werden.

Selbst der Endkampf ist schwach choreografiert, und der Endgegner Riot (»Krawall«) taugt kaum zum überzeugenden Antagonisten. Er benimmt sich eher wie ein überdimensionierter Hooligan.

Auch der Plot hat unbegreifliche Löcher. Ein Beispiel: Würde sich ein Sensationsreporter nach dem Verlust von Job und Freundin monatelang in Selbstmitleid suhlen und in der Zeitung eine Kleinanzeige markieren, mit der ein Tellerwäscher gesucht wird? Aber nein, wir leben im 21. Jahrhundert – also eröffnet er im Internet ein Verschwörungsportal und wird reich. Und: Gibt es überhaupt noch Kleinanzeigen und Tellerwäscher?

Trotzdem ist Sony vom Erfolg des Films überzeugt und hat bereits Venom 2 und 3 in Auftrag gegeben. Das sollte man als gute Nachricht betrachten: Die Sequels können eigentlich nur besser werden.

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