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Neandertaler: Herren der Klaue

In Spanien fanden Forscher das 39 000 Jahre alte Zehenglied eines Raubvogels. Sie nehmen an, dass die Neandertaler die Klaue davon entfernten und als Art Statussymbol trugen.
© Antonio Rodríguez-Hidalgo / Complutense University of Madrid
Neandertaler: Herren der Klaue

Veröffentlicht am: 01.11.2019

Laufzeit: 0:01:47

Sprache: englisch UT

Hatten sie oder hatten sie ihn nicht? Die Rede ist von den Neandertalern und ihrem Kunstsinn. Schon lange diskutieren Forscher darüber, ob die Muse auch Homo neanderthalensis im täglichen Überlebenskampf küsste und er des »symbolischen Denkens« mächtig war. Die Anzeichen mehren sich, vollkommene Sicherheit besteht aber noch nicht. So entdeckten Anthropologen 2018 in der spanischen »Cueva de los Aviones« 115 000 Jahre alte Meeresmuscheln, die sie als Schmuck und Pigmentbehälter deuteten. Ebenfalls 2018 legten Forscher eine Neudatierung von Punkt- und Strichmalereien in drei spanischen Höhlen vor. Das Alter der Bilder: um die 66 000 Jahre vor heute. Damit müssen die Darstellungen aus der Hand der Neandertaler stammen. Denn zu jener Zeit war der anatomisch moderne Mensch noch nicht auf den europäischen Kontinent vorgedrungen. Jedenfalls zeugen keine Funde von seiner etwaigen Präsenz.

Nicht nur Kunstsinn, so glauben Anthropologen, hätten die Neandertaler besessen, sondern womöglich auch etwas wie Statusgebaren. Darauf lasse eine Fundgruppe schließen, die an zehn südeuropäischen Fundplätzen der Neandertaler ans Licht kam: Zehenglieder und Klauen von großen Raubvögeln. Die Stücke sind zwischen 42 000 und 130 000 Jahre alt. Antonio Rodríguez-Hidalgo vom Instituto de Evolución en África in Madrid und sein Team berichten nun in »Science Advances« von einem weiteren solchen Fund im Nordosten der Iberischen Halbinsel. Das Zehenglied eines Kaiseradlers (Art Aquila adalbertioder heliaca) ist zirka 39 000 Jahre alt. Schnittmarken an dem Knochen belegen, dass die Klaue entfernt wurde. Der Grund: um sie als Schmuck zu tragen, so die Vermutung der spanischen Forscher. Hätten die Neandertaler die Raubvögel doch kaum zu Nahrungszwecken gejagt, da nur sehr wenige Knochen dieser Vögel im Fundgut vertreten sind. Auch gäben die Zehenknochen wenig nahrhaftes Fleisch her, für das es sich lohnen würde, die Krallen mühsam abzutrennen. Rodríguez-Hidalgo und seine Kollegen sind vielmehr überzeugt, dass die Neandertaler die Klauen als Schmuck trugen. Womöglich um so einen sozialen Rang oder Status anzuzeigen.

Die Forscher um Rodríguez-Hidalgo haben ihre Ergebnisse in einem knappen und recht bildarmen, aber informativen Video zusammengefasst. Darin stellen sie etwa Vermutungen darüber an, ob die Neandertaler mit ihrem mutmaßlichen Sinn für Schmückendes vielleicht die Neuankömmlinge der Menschenform Homo sapiens inspiriert haben könnten.

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