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Primaten: Aye-Ayes haben einen Pseudodaumen

Sein Fingerabdruck würde es verraten: Der Aye-Aye hat sechs Finger. Sein Pseudodaumen hilft ihm, kräftig zuzugreifen, vermutet ein Forscherteam.
Primaten: Aye-Ayes haben einen Pseudodaumen

Veröffentlicht am: 20.10.2019

Laufzeit: 0:03:42

Sprache: englisch UT

Das Fingertier, auch Aye-Aye (Daubentonia madagascariensis) genannt, ist offenbar noch seltsamer als gedacht: Einem Team um Adam Hartstone-Rose von der North Carolina State University fiel auf, dass der Lemur einen sechsten Finger hat. Was zunächst nach einem unscheinbaren Stummel aussieht, besteht aus Knochen und Knorpeln – und verfügt sogar über eine eigene Muskulatur. Vermutlich hilft sein Pseudodaumen dem Aye-Aye beim Greifen, schreiben die Forscher nun im »American Journal of Physical Anthropology«.

Dass der Aye-Aye seinen auffallend langen und schlanken Mittelfinger benutzt, um in Baumlöchern Beute, beispielsweise Maden, aufzuspüren, war bereits bekannt. Diesen Finger kann er – im Gegensatz zu den anderen – sogar um bis zu sechs Grad Celsius aufheizen, was ihn vermutlich empfindlicher macht. Beim Klettern nutzen ihm seine hoch spezialisierten Hände offenbar wenig, dachte sich Adam Hartstone-Rose von der North Carolina State University, als er die seltsamen Bewegungen des Aye-Aye beobachtete. Der Evolutionsbiologe interessiert sich schon seit jungen Jahren für Lemuren – besonders für den Aye-Aye. Er wollte herausfinden, wie dessen spinnenartige Hände aufgebaut sind. Gemeinsam mit seinem Team untersuchte er die Sehnen, die vom Arm in die Finger verlaufen, und entdeckte: Eine davon endete in einem kleinen, sechsten Finger. Das war bei allen fünf Exemplaren der Fall, die bereits tot waren und dem Forscherteam von verschiedenen Zoos und Museen zur Verfügung gestellt wurden.

Mit Hilfe klassischer Sezierungs- und digitaler Visualisierungsmethoden erstellte das Team ein Modell der Aye-Aye-Hand. Dabei entdeckten die Forscher, dass der Pseudodaumen nicht nur Knochen und Knorpel, sondern auch verschiedene Muskelgruppen enthält. Mit diesen kann der Aye-Aye drei Arten von Bewegung ausführen: Er kann den Pseudodaumen seitlich von sich wegführen (Abduktion), ihn nach innen, zur Körperlängsachse, drücken (Adduktion) oder aber mit den anderen Fingern zusammenführen (Opposition) – also so, wie wir unseren Daumen beim Greifen benutzen. Darum vermutet das Team um Hartstone-Rose, dass der sechste Finger Aye-Ayes beim Greifen hilft. Das könne die Spezialisierung der anderen Finger auf Nicht-Greif-Aufgaben ausgleichen – wie beispielsweise die des Mittelfingers aufs Insektenangeln, schreiben die Forscher. Live haben sie zwar noch nicht beobachtet, wie der Aye-Aye seinen Pseudodaumen einsetzt. Sie berechneten aber, dass der sechste Finger eine Kraft ausüben kann, die fast die Hälfte des Körpergewichts eines Aye-Aye bewegen könnte. Die Tiere wiegen zwischen zwei und drei Kilogramm.

Auch andere Tiere, wie etwa der Große Panda (Ailuropoda melanoleuca) haben einen Extrafinger, der ihnen beim Greifen hilft. Der Daumen, der bei uns und anderen Primaten diese Aufgabe übernimmt, ist beim Panda in der Hand, neben den anderen Fingern, integriert. Das ist beim Gehen praktisch – beim Bambusgreifen aber weniger. Darum hat er einen Pseudodaumen, der laut Hartstone-Rose aus exakt denselben Knochen- und Muskelgruppen besteht wie der des Aye-Aye. Auch der Maulwurf besitzt einen zusätzlichen Finger, der ihm beim Graben hilft und zudem seine Schaufel vergrößert. Unter den Primaten ist der Aye-Aye aber bislang der einzige, der mehr als fünf Finger hat. Manche – wie zum Beispiel der Mantelaffe (Colobus guereza) – haben sogar nur vier. Affen, deren Daumen sich zurückgebildet hat, werden zur Gruppe der Stummelaffen zusammengefasst – bei ihnen geht Klettern offenbar vor Greifen.

In seiner Heimat Madagaskar genießt der Aye-Aye einen äußerst schlechten Ruf. Eine Begegnung mit der Lemurenart soll Unglück oder gar den Tod bringen. Früher glaubten dort viele Menschen, dass man sein Dorf verlassen muss, sobald ein Aye-Aye es betreten hat. Im nördlichsten Zipfel Madagaskars glauben manche Menschen bis heute, dass die nachtaktiven Tiere Menschen fressen – und vermeiden es, ihre Dörfer im Dunkeln zu verlassen.

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