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Wir Werden Alle Sterben: Wahnsinnige Kannibalen-Rentiere

Bei Rentieren in Norwegen taucht eine neue Prionenkrankheit auf. Die Tiere infizieren sich dabei durch eine Angewohnheit, die man ihnen gemeinhin nicht zutrauen würde.
© Mike Beckers, Lars Fischer
Wahnsinnige Kannibalen-Rentiere

Als wenn 2020 nicht schon hart genug wäre, muss sich jetzt auch der Weihnachtsmann darauf einstellen, die Geschenke bald zu Fuß zu verteilen. Am Polarkreis nämlich grassiert der Rentierwahnsinn.

Die Symptome dieser zuletzt im September in Norwegen nachgewiesenen Krankheit ähneln dem Rinderwahnsinn. Die befallenen Tiere magern ab, werden träge und stolpern herum und zeigen Symptome von Hirnschäden. Auch die Ursache ist die gleiche: Ein Prion.

Prionen sind falsch gefaltete Proteine, die andere Proteine anstecken können: Sie bringen sie dazu, sich ebenfalls umzufalten. Prionenkrankheiten können einerseits sporadisch auftreten, durch Zufall oder seltener durch genetische Veranlagung; sie können aber auch ansteckend sein. Prionen verbreiten sich, indem das Opfer ansteckendes Material isst.

Beim Rinderwahnsinn war die Quelle verseuchtes Tiermehl. Bei Rentieren ist das natürlich nicht der Fall. Man geht davon aus, dass die Prionen in Fäkalien oder Blut in die Umwelt gelangen und dort überdauern können, bis ein anderes Tier ahnungslos an der Stelle grast.

In Nordamerika ist der Rentierwahnsinn schon länger verbreitet und befällt neben Rentieren Rotwild, Elche und verwandte Arten. In Europa tauchte die Krankheit 2016 in Norwegen auf; im September 2020 wurde ein weiterer Fall festgestellt. Man vermutet, dass der Ursprung ein spontan aufgetretener Prionen-Fall war, der sich dann in der Population verbreitete, und zwar durch Kannibalismus.

Kurioserweise nämlich neigen Rentiere, ebenso wie verwandte Arten, zum Kannibalismus. Sie fressen sich gegenseitig das Geweih ab, und das anscheinend in einigen Populationen recht häufig. In einer aktuellen Studie zeigen norwegische Forscher, dass dieses Verhalten in südnorwegischen Rentieren, bei denen der Rentierwahnsinn anscheinend regelmäßig auftritt, seit 1984 wohl deutlich zugenommen hat. Von unter zehn auf über 95 Prozent.

Die Vermutung ist jetzt, dass bei den Prionen eine Art evolution stattgefungen hat. Zufällig auftretende Prionenkrankheiten sind nicht besonders ansteckend. Doch durch den regelmäßigen Kannibalismus bekommen sie immer wieder Gelegenheit überzuspringen. Irgendwann war ein Prion mal ansteckender als andere, und nun verbreitet es sich von Geweih zu Geweih.

Die Bedrohung ist real. In Nordamerika sind die Populationen diverser Arten durch die Prionenkrankheit inzwischen deutlich zurückgegangen, und in Nordeuropa ist das Rentier ein bedeutendes Nutztier. Außerdem besteht die Gefahr, dass das Prion, ebenso wie der Rinderwahnsinn, auf Menschen übertragbar ist.

Experimente in Nordamerika haben unter anderem ergeben, dass sich Affen mit dem Prion anstecken können. Und das wichtigste Produkt der Rentierherden ist Fleisch. Nicht zuletzt spielen Rentiere auch für die Umwelt am Polarkreis eine wichtige Rolle – und außerdem kann niemand wollen, dass der Weihnachtsmann seinen Schlitten in Zukunft mit einem Trecker ziehen muss.

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