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Konnektom: Roboter mit Wurmgehirn?

Lässt sich ein Lego-Roboter tatsächlich über ein simuliertes Wurmgehirn steuern? Ein Video behauptet genau das, aber es ist schlecht recherchiert.
Scientists Put the Brain of a Worm Into a Robot… and It MOVED

Veröffentlicht am: 11.01.2018

Laufzeit: 0:03:313

Sprache: englisch

Untertitel: englisch

Seeker/DNews ist ein YouTube-Kanal mit Videos zu wissenschaftlichen Themen. Er gehört zum US-amerikanischen globalen Medien- und Unterhaltungsunternehmen Discovery Communications, das 1985 in den USA vom Discovery Channel gegründet wurde.

Auf den ersten Blick wird in diesem Video von einer erstaunlichen Geschichte aus der Forschung berichtet: Wissenschaftlern sei es gelungen, einen Lego-Roboter mit einem simulierten Gehirn des Nematodenwurms C. elegans zu steuern. Dabei fällt gleich ein Fehler auf in diesem Clip auf dem YouTube-Kanal Seeker: Zwar besteht der Wurm tatsächlich aus rund 1000 Zellen, allerdings gehören nur etwas über 300 Neurone zum so genannten Konnektom, also der Gesamtheit der neuronalen Verbindungen im Wurm. Dieses Konnektom hätten nicht näher genannte »Forscher« auf einen Computer übertragen. Wer den Quellen des Berichts nachforscht, merkt schnell: Das Video ist unfassbar schlecht recherchiert oder bewusst irreführend oder – wahrscheinlich – beides.

Die Quellenangaben unter dem Video zeigen, dass die Darstellung wohl lediglich die paraphrasierte Version eines Berichts aus dem Onlinemagazin »Science Alert« ist. Nahezu alle Informationen, die der gekünstelt erstaunte Moderator vorträgt, stammen aus diesem Artikel. Aber auch dieser Beitrag ist nur eine abgeschriebene Variante eines Artikels im »Smithsonian Magazine« vom November 2014. Und der wiederum ist die Zusammenfassung eines Artikels aus »I Programmer«, einem kleinen Onlinemagazin von Programmierern für Programmierer.

Dort endet die Plagiatskette. Nach einer wissenschaftlichen Veröffentlichung sucht man auf dem Weg dorthin allerdings vergebens. Die Recherche führt dagegen zu einer amateurwissenschaftlichen Einmannshow namens Timothy Busbice. Der Programmierer Busbice stammt aus Westlake Village in Kalifornien und beschreibt sich selbst auf Twitter als »AGI-Forscher, Robotik-Enthusiast, Connectomic Engineer, Neuro-Roboterist«. Er betreibt einen YouTube-Kanal, der seinen Namen trägt und dessen einziges Thema das Konnektom des Wurms C. elegans ist. Hier veröffentlichte er im Oktober 2013 das erste Video von einem Lego-Roboter, der von einem C.-elegans-Konnektom gesteuert sein soll. Daneben ist Busbice der einzige Mitarbeiter des Onlinemagazins »InterIntelligence Research«, dessen Seiten in der Ich-Form von allen möglichen Entdeckungen und Errungenschaften Busbices erzählen.

Das soll nicht heißen, dass man an eine Institution gebunden sein muss, um gute Forschung zu veröffentlichen. Aber es muss skeptisch stimmen, dass Busbice seinen Wurm-Roboter für den Neuroinformatik-Kongress in München im Jahr 2012 mit Doktortitel angekündigt hat, obwohl er keinen zu haben scheint. Gut, das kann natürlich auch ein Fehler des Magazins gewesen sein, das die Ankündigung veröffentlicht hat. Aber man sollte zurückschrecken, wenn jemand dann im Mai 2014 einen Artikel mit verbreitet, der so aufgebaut und geschrieben ist wie ein wissenschaftlicher Artikel, ohne aber jemals im Peer-Review gewesen zu sein. Darin beschreibt er eine Reihe von Experimenten mit dem Wurm-Konnektom als Input-Output-Maschine, die zeigten, dass »das Konnektom ausreicht, um Verhaltensweisen des biologischen Wurms zu produzieren«. Repliziert hat das niemand. Prüfen sollte das jemand.

Sich selbst beschreibt Busbice als Mitgründer von OpenWorm, einem seriösen Projekt, das es sich zum Ziel gemacht hat, die erste digitale Lebensform zu schaffen. Nur findet man Busbice dort lediglich in der Sektion der »Beitragenden«.

All diese Ungereimtheiten müssen einem Journalisten auffallen. Auf Plattformen wie Seeker, dem Urheber des Videos und einem der fünf Digitalverlage der Verlagsgruppe Group Nine Media aus New York, steht offensichtlich die Generierung von Reichweite im Vordergrund. Wie flach und schmal die Recherche dadurch werden kann, lässt sich an diesem Video beispielhaft begutachten.

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