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Schweinepest: Die Sache ist noch nicht gegessen

Sind weggeworfene Wurstbrote schuld an der Verbreitung der Afrikanischen Schweinepest? Und wie gefährdet sind unsere Schweine wirklich?
Schweinepest: Die Sache ist noch nicht gegessen

Veröffentlicht am: 29.01.2019

Laufzeit: 0:05:20

Sprache: deutsch

Die Afrikanische Schweinepest ist eine hochinfektiöse Viruserkrankung, die Wild- und Hausschweine befällt. Seit 2014 breitet sie sich in Europa aus. Zunächst häuften sich die Fälle nur in Osteuropa; im September 2018 wurden in Belgien, nahe der deutschen Grenze, erstmals infizierte Wildschweine entdeckt. Landwirte im benachbarten Rheinland-Pfalz befürchten, das Virus könne bald auch ihren Hausschweinen auf die Pelle rücken. Der Waldboden, auf dem ein erkranktes Tier verendet ist, bleibe über Monate hinweg verseucht, heißt es im Video der »Landesschau Rheinland-Pfalz« des SWR. Wie kommen unsere Hausschweine in den Wald?, fragt man sich da als Zuschauer. Zwar versucht das Video, die wichtigsten Fragen im Zusammenhang mit der Schweinepest zu beantworten – das will aber nicht so recht gelingen. Vieles bleibt offen.

Wildschweine fressen alles, was ihnen vor die Schnauze kommt. Somit könnten sie sich auf Rastplätzen zum Beispiel an weggeworfenen Wurstbroten mit der Schweinepest infizieren. Das Video erweckt den Eindruck, wurstbrotessende osteuropäische LKW-Fahrer seien schuld daran, dass sich die Seuche ausbreitet. Aber kommen deutsche Zuchtschweine wirklich in Berührung mit kontaminierten Wurstbroten oder mit Wildschweinen, die solche gefressen haben? Warum ist überhaupt mit Schweinepest infizierte Wurst im Umlauf? Und kommt die stets aus Osteuropa?

Ein beachtlicher Teil unserer Wurst- und Fleischprodukte stammt aus betroffenen Ländern wie Polen und Belgien. Besonders die Landwirte sind alarmiert. Sie befürchten, wir könnten uns damit das Virus »einkaufen«. Zwar verweisen die Händler auf strenge Qualitätskontrollen und saubere Zulieferer. Doch in letzter Zeit gab es – nicht nur für Wurst – mehrfach Warnungen und Rückrufaktionen. Das schürt die Verunsicherung. Werden die Schweine geschlachtet, bevor sie Symptome zeigen, ist schwer nachvollziehbar, welche Betriebe betroffen sind. Lebensmittel werden nicht standardmäßig auf Schweinepestviren getestet. Woher sollen Händler oder Verbraucher wissen, welche Wurst »sauber« ist? Die Schweinepest überträgt sich zwar nicht auf den Menschen. Kaufen, essen und vor allem achtlos wegwerfen sollte man befallene Produkte trotzdem nicht, rät die SWR-Reportage.

Nicht nur verseuchte Wurstbrote, auch infizierte und tote Wildschweine stellen eine wichtige Infektionsquelle dar. Erst gegen Ende geht der Film auf die Hygienemaßnahmen ein, die einzuhalten sind, wenn ein solches Tier gefunden wird. In großen Schweinemastbetrieben gelten strenge Hygienevorschriften. Und das nicht erst, seit es in Belgien die Schweinepest gibt. Seit Juni 2019 sind die Fallzahlen dort übrigens stark rückläufig. Wenn bisher Hausschweinbestände betroffen waren, habe es sich immer um so genannte Hinterhofhaltungen gehandelt, informiert der Experte des SWR. Das Verfüttern von Speiseresten an Schweine ist in Deutschland seit 2006 verboten; um die Hausschweine mache er sich also weniger Sorgen, sagt er.

Damit ist die Sache aber noch nicht gegessen, wie ein Landwirt im Video treffend feststellt. Sollte die Schweinepest trotz Sicherheitsvorkehrungen ausbrechen, hätte das »dramatische Folgen«. Ist ein Betrieb betroffen, müssen alle Schweine geschlachtet werden. Aber die Schweinepest gibt es nicht nur in Osteuropa und lauert möglicherweise vor rheinland-pfälzischen Stalltüren. Dass vor allem Asiens Schweine an der unheilbaren Seuche leiden und sterben, ist im Film kein Thema.

Zuletzt meldeten Laos und Südkorea 14 neue Ausbrüche. In China musste bereits ein Drittel aller Tiere notgeschlachtet werden. China, der weltweit größte Schweinefleischkonsument, beherbergt etwa die Hälfte des globalen Schweinebestands. Die Schweinepest-Epidemie, die dort im August 2018 ausbrach, treibt die Preise bis heute kräftig in die Höhe. Lange Zeit hat die chinesische Regierung das Problem heruntergespielt. Mittlerweile hat sie reagiert: Es gibt Subventionen für die Schweinehaltung, und in manchen Städten wird das Schweinefleisch sogar rationiert. Zudem ist es dort nun verboten, verarbeitetes Schweineblut an Masttiere zu verfüttern. Vor allem solche Produkte machen Experten für die rasante Ausbreitung der Seuche in China verantwortlich. In der EU ist das Verfüttern von getrocknetem Blutplasma als Eiweißquelle noch erlaubt. Wie können wir sicher sein, dass diese Produkte virenfrei sind? Sollte man sie nicht auch bei uns verbieten? Auch dazu sagt das Video nichts.

Über die indirekten Folgen der Schweinepest wird ebenfalls nicht gesprochen. So züchten manche Schweinebauer, etwa Pang Cong aus der Provinz Guangxi im Süden Chinas, nun über 500 Kilogramm schwere Schweine, um für genügend Nachschub zu sorgen. Zum Vergleich: Das durchschnittliche Schlachtgewicht von Schweinen in Deutschland lag 2018 bei etwa 94 Kilogramm, also knapp einem Fünftel. Ein Schwein von der Größe eines Eisbären lässt sich in China aktuell für zirka 1400 US-Dollar verkaufen. Das entspricht dem Dreifachen des durchschnittlichen chinesischen Monatseinkommens. Allzu gesund dürften die Riesenschweine nicht sein. Sie können sich kaum mehr bewegen. Frühere Giganten wie Ton Pig, ein Schwein, das fast 900 Kilogramm auf die Waage brachte, starben an den Folgen seines Übergewichts.

Für deutsche Schweinebauern hat die hohe Nachfrage aus China etwas Gutes: Der Schlachtpreis liegt auf einem Rekordhoch von 1,85 Euro pro Kilogramm. Das heißt aber auch, dass Einzelhändler und Wurstliebhaber tiefer in die Tasche greifen müssen: Laut dem »Wall Street Journal« kostet Schweinefleisch 2019 fast 70 Prozent mehr als im Vorjahr. Vielleicht sollte es in Zukunft wirklich »etwas weniger« von Lyoner, Krakauer und Schweinefleisch süß-sauer sein. Es käme nicht nur armen Zuchtschweinen und unserem Geldbeutel, sondern auch dem Klima zugute.

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