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Sciencefiction: Der einsame Astronaut und sein Vater

Was für ein Angebot: Die Welt retten und zugleich sein persönliches Trauma aufarbeiten. Für den Astronauten Roy McBride, gespielt von Brad Pitt, ist das der Auftakt zu einer epischen Abenteuerreise durchs Sonnensystem.
Sciencefiction: Der einsame Astronaut und sein Vater

Veröffentlicht am: 21.08.2019

Laufzeit: 0:02:42

Sprache: deutsch

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Für zwölfjährige Jungen sind ihre Väter noch echte Helden. Wenn sie älter werden, verliert sich das. Und irgendwann, nach oft schmerzhaften Auseinandersetzungen, sehen die Söhne ihre Väter realistischer, als Menschen mit Fehlern und Schwächen, die sie ihnen im besten Fall auch nachsehen. Was aber, wenn der Vater wirklich ein Held ist, ein unerreichbares Ideal, von aller Welt bewundert und gefeiert? Und schlimmer noch, wenn er bei einer gefährlichen Mission im Weltraum einfach verschollen ist, als der Sohn gerade 16 Jahre alt war? Genau das ist der Hintergrund von Roy McBride, der Hauptperson im Sciencefiction-Film »Ad Astra – zu den Sternen«. Sein Vater Clifford McBride war Astronaut, er führte die ersten Missionen zum Jupiter und zum Saturn und verschwand bei einer weiteren interplanetaren Reise, deren Zweck und Ziel geheim blieb.

Um dem Vater nachzueifern, wurde Roy ebenfalls Astronaut. Sein Leben ist weniger glamourös, er repariert eine gigantische Antennenanlage, die vom Boden aus Dutzende Kilometer in die Höhe ragt. Als eine Art elektromagnetischer Puls die Erde trifft, stürzt er ab und landet leicht lädiert mit dem Fallschirm. Immer mehr solcher Pulse, in der deutschen Fassung etwas unglücklich mit »Wellen« übersetzt, suchen die Erde heim. Roy erfährt, dass diese Phänomene mit der letzten Mission seines Vaters zu tun haben könnte. Und man bringt ihm schonend bei, dass der ältere McBride wohl kein Ritter ohne Fehl und Tadel war. Roy beginnt eine epische Reise durchs Sonnensystem, um endlich seinen Vater treffen und fast 30 Jahre nach dessen Verschwinden endlich aus seinem übergroßen Schatten zu treten. Er besteht Abenteuer, vollbringt Heldentaten, wagt das Unmögliche. Am Ende ist er bereit, seinem Vater oder was von ihm übrig ist von Mann zu Mann gegenüberzutreten.

Der Regisseur James Gray hatte sich vorgenommen, Raumreisen realistischer darzustellen als jeder andere Film zuvor. Angesichts von Produktionen wie »Der Marsianer«, »Europa Report« oder »Life« legt er sich die Latte damit ziemlich hoch – und reißt sie, wenn auch knapp. Das fällt am stärksten bei den technischen Aspekten auf. Die Reise von der Erde zum Mond orientiert sich erkennbar am Vorbild »2001 – Odyssee im Weltraum«. Deshalb wirkt das Ambiente teilweise etwas antiquiert. Aktuelle Entwicklungen wie wiederverwendbare Raketen oder gar eine Konstruktion wie Elon Musks geplantes »Starship« finden im Film keinen Platz.

Anders als in der Wirklichkeit starten die Raketen von der Erd- oder Marsoberfläche direkt zu interplanetaren Flügen. Das würde so nicht funktionieren. Die verheerenden elektromagnetischen Pulse sollen von einem havarierten Raumschiff stammen, das aus mehreren Milliarden Kilometern Entfernung über eine Parabolantenne immer wieder Antimateriewolken Richtung Erde schickt. Aus physikalischer Sicht ist das blühender Unsinn. Auf der Habenseite stehen wunderschöne Aufnahmen von Planeten und Monden, die auf der großen Kinoleinwand einen überwältigenden Eindruck hinterlassen. Die Verfolgungsjagd der Mondbuggys ist ein visuelles Erlebnis, wie man es bisher noch nie so gesehen hat. Der Kampf der rasenden, mit goldfarbener Alufolie überzogenen Fahrzeuge in der stillen, grauen und toten Mondlandschaft setzt neue Maßstäbe für Sciencefiction-Filme.

Mit der Darstellung der Schwerelosigkeit in den engen Raumschiffen nimmt es der Film relativ genau. Aus irgendeinem Grund schweben die Astronauten aber auch dann, wenn das Raumschiff beschleunigt. Einige Szenen wirken fast wie eine Parodie auf die amerikanische Lebensart. Das Shuttle zum Mond wird offenbar von einer Billig-Airline betrieben: »Eine Decke und ein Kissen – das macht 125 Dollar, Sir.« Die Mondstation gleicht dem Geschäftszentrum eines Provinzflughafens einschließlich der Außenreklame, obwohl die Werbewirkung angesichts der leeren Mondlandschaft gegen null gehen dürfte.

Der Film ist komplett auf Brad Pitt als Hauptperson zugeschnitten, und die fremdartigen Landschaften bilden nur die Kulisse für seine klassische Heldenreise. Sowohl das immer wieder eingesetzte Voiceover wie der Aufbau des Films erinnern deutlich an Francis Ford Coppolas Meisterwerk »Apokalypse Now«. Es fallen auch andere Filmreferenzen auf. Bei den sinnlosen Psychotests denkt man natürlich an »Bladerunner 2049«. Und den besessenen Raumschiffkommandanten spielte Maximilian Schell sehr viel eindrucksvoller in dem Film »Das schwarze Loch« von 1979. Das heißt aber nicht, dass der Film keine eigenen Ideen hätte. Am besten funktioniert er als Studie der Einsamkeit des Protagonisten. Roy McBride hat die Hassliebe zu seinem Vater, der vor 29 Jahren die todkranke Mutter für seine letzte Mission im Stich ließ, nie überwunden. Der Film legt nahe, dass er seitdem andere Menschen nicht mehr an sich heranlassen kann. So ist er zwar verheiratet, hat aber keine Kinder und lebt von seiner Frau getrennt. In der Kantine sitzt er allein vor einem Kaffee. Er ist ein absoluter Stoiker, dessen Herz selbst in Lebensgefahr nie mehr als 80-mal pro Minute schlägt. Nur wenn es um seinen Vater geht, verliert er seine Ruhe. Erst die Schlussszene deutet an, dass es Hoffnung für ihn geben könnte. Brad Pitt spielt den gestörten Helden durchaus überzeugend mit stoischer Ruhe und minimaler Mimik. Man sieht ihn niemals lachen oder mit Freunden herumalbern. Der Film setzt auf sparsame Dialoge und karge Räume, nur die Actionszenen bringen unvermittelt ein rasantes Tempo.

Wirklich neue Akzente sollte man von dem Film nicht erwarten. Er zeigt keinerlei Hinweise auf eine künftige Gesellschaft, verspielt die Möglichkeit, technische Entwicklungen der Gegenwart klug zu extrapolieren, und beruht auf einer unsinnigen Prämisse. So bleibt »Ad Astra« eine handwerklich gut gemachte, ganz auf Brad Pitt zugeschnittene Abenteuerreise vor einer grandiosen Kulisse mit einem mäßig glaubwürdigen Vater-Sohn-Konflikt als Hintergrund. Kann man sich ansehen, muss man aber nicht.

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