Direkt zum Inhalt

Sciencefiction: Die Mutter der Apokalypse

Nehmen wir an, die Erde wäre nach einer Katastrophe nahezu unbewohnt, und - schlimmer noch - unbewohnbar. Wie könnte man Menschen neu ansiedeln und dabei die Errungenschaften der Zivilisation bewahren?
Sciencefiction: Die Mutter der Apokalypse

Veröffentlicht am: 03.06.2019

Laufzeit: 0:02:26

Sprache: deutsch

KinoCheck ist ein YouTube-Kanal, der Trailer, News und Kritiken zu aktuellen Kinofilmen anbietet.

Dies ist die Ausgangslage im Film »I am Mother«. Ein Mädchen wächst in einer unterirdischen Bunkeranlage auf, ganz allein, liebevoll betreut und unterrichtet von einem riesigen Roboter mit einer sanften Frauenstimme. Der Roboter heißt »Mutter«, das Mädchen redet er nur als »Tochter« an. Es leidet unter der Einsamkeit, aber Mutter verspricht, dass sie irgendwann Teil einer Familie werden soll. Wie die Zuschauer gleich am Anfang erfahren, hütet die Anlage 63 000 Embryonen in Nährlösung. Das Mädchen muss regelmäßig Prüfungen ablegen, die unter anderem mit moralischen Dilemmata zu tun haben und ihre Persönlichkeit ergründen sollen. Durchfallen ist keine Option, denn Mutter will keine Zweitausgabe der Menschheit schaffen, sondern unbedingt eine bessere. Im Lauf der Zeit mehren sich die Anzeichen, dass die Außenwelt nicht so lebensfeindlich ist, wie Mutter behauptet. Aber können künstliche Intelligenzen überhaupt lügen? Als eine Überlebende aus der Außenwelt auftaucht, muss Tochter diese Möglichkeit ernsthaft in Betracht ziehen. Es beginnt ein wendungsreiches Kammerspiel, wobei aufmerksame Zuschauer viele Enthüllungen bereits vorab erkennen können.

Ist die Grundidee aber überhaupt tragfähig? Diese Frage ist nicht nur für das Überleben von apokalyptischen Katastrophen interessant, sondern auch für die interstellare Raumfahrt. Ein Raumschiff, das Menschen zu einem anderen Sternensystem bringt, würde Hunderte oder Tausende von Jahren brauchen – deutlich länger als die Lebenszeit eines Menschen. Um Energie und Nahrungsmittel einzusparen, könnte man die zukünftigen interstellaren Siedler als tiefgefrorene Embryonen mitnehmen und einige Jahre vor der Ankunft damit beginnen, sie aufzutauen. Die künstliche Intelligenz des Raumschiffs würde die ersten von ihnen aufziehen und ausbilden. Mit den heutigen Mitteln wäre das natürlich noch unmöglich. Man kann Embryonen vorläufig nur in einer sehr frühen Phase einfrieren, zum Beispiel als befruchtete Eizelle bis zu fünf Tage nach der Befruchtung als so genannte Blastozyste. Nach dem Auftauen wird sie dann in eine Gebärmutter eingesetzt und wächst dort weiter. Im Film werden die etwa acht Wochen alten Embryonen jahrzehntelang in einer Art Konservierungsflüssigkeit bei Zimmertemperatur aufbewahrt, um irgendwann zur Weiterentwicklung angeregt zu werden. Eine künstliche Gebärmutter, in der ein Kind von diesem Reifegrad so weit heranwächst, dass es selbstständig atmet, liegt allerdings noch weit in der Zukunft. Auch eine KI, die Säuglinge liebevoll versorgt und erzieht, ist bisher nicht in Sicht. Und selbst wenn das gelingt, entwickelt die neue menschliche Gemeinschaft vielleicht eine Eigendynamik, die ihren Schöpfern nicht gefallen würde. Eine finstere Diktatur, eine Stammesgesellschaft, eine intolerante Priesterherrschaft, eine Feindschaft gegenüber Maschinen allgemein, eine Spaltung mit blutigen Schlachten – das alles wäre nicht unbedingt abwegig, auch wenn sich die KI im Film alle Mühe gibt, eine bessere Menschheit heranzuzüchten.

Natürlich könnten sich trotz aller Vorsicht auch Seuchen ausbreiten. Vielleicht scheitert die »Auswilderung« der neuen menschlichen Gemeinschaften daran, dass das Immunsystem der Menschen den vielfachen Angriffen von Viren und Bakterien aus der fremden Außenwelt nicht gewachsen ist. Dann hätte man zwar Siedler erfolgreich auf einen fernen Planeten gebracht oder den Fortbestand der Menschheit nach einer apokalyptischen Katastrophe gesichert, aber die Überlebenden könnten den geschützten Bereich, in dem sie aufgewachsen sind, nicht mehr verlassen. Natürlich sollte man auch unbedingt mehrere Kinder gleichzeitig großziehen, denn ein isoliert aufgezogenes Kind wird vielleicht mit anderen Menschen nicht zurechtkommen. Für solche Überlegungen gibt es im Film jedoch keinen Platz. Er zeigt ein Vexierspiel zwischen den drei Hauptpersonen, wobei der Roboter Mutter wie ein Mensch agiert – mit verborgenen Motiven, Andeutungen, Lügen und Täuschungen. Vielleicht ist eine KI den Menschen erst dann wirklich überlegen, wenn sie die Kunst der Täuschung besser beherrscht als ihre Schöpfer.

Das Aussehen des Roboters hat Regisseur Grant Sputore an den entfernt menschenähnlichen Roboter »Atlas« der amerikanischen Firma Boston Dynamics angelehnt. Atlas agiert nicht so geschickt, dass man ihn im Film hätte einsetzen können. CGI wäre zu aufwändig gewesen, und so schlüpfte ein Schauspieler in das Roboterkostüm, wobei »Kostüm« hier eine Untertreibung ist, denn »Mutter« sieht eher wie eine Hightech-Ritterrüstung aus. Dennoch war diese Entscheidung ein Glücksgriff, denn der Roboter bewegt sich im Film so menschlich, dass er ausgesprochen unheimlich wirkt.

Der Film lebt von der Spannung zwischen den Hauptpersonen und der quälenden Frage, was mit der Außenwelt tatsächlich geschehen ist. Nicht nur Mutter hat ihre Geheimnisse, auch die namenlose Fremde, gespielt von der amerikanischen Schauspielerin Hilary Swank, sagt offenbar nicht die Wahrheit. Der Regisseur hat die unheimliche Aura des riesigen Bunkerkomplexes hervorragend eingefangen. Technisch-metallische Blau- und Grautöne beherrschen das Bild. Im auffälligen Kontrast dazu trägt Tochter immer Rot. Grüne Pflanzen oder farbige Blüten kommen kaum vor. Die leeren und weiten Gänge wirken düster, verlassen und abweisend. Alles ist blitzsauber und aufgeräumt, bis die zerlumpte, angeschossene und schmutzbedeckte Frau aus der Außenwelt auftaucht. Tochter bringt sie heimlich in die Krankenstation, um die Kugel zu entfernen. Die Darstellung der Operation ist allerdings völlig misslungen, sie würde zuverlässig zum Tod der Patientin führen. Die vom Drehbuchautor Michael Lloyd Green klug konzipierte Handlung schlägt Haken wie ein flüchtender Hase, dabei bleibt die Logik des Öfteren auf der Strecke. Zuweilen hat man den Eindruck, der Film sei der Zusammenschnitt der besten Szenen aus einer nicht realisierten Serie. Viele Hintergründe werden angerissen, aber nie ausgeleuchtet. Der eigentliche Star des Films ist die KI »Mutter«, die mit unerbittlicher Konsequenz eine bessere Menschheit schaffen will und dafür über Leichen geht. Aus wissenschaftlicher Sicht ist das alles etwas dünn, der Film ist aber trotzdem unbedingt sehenswert.

Lesermeinung

Wenn Sie inhaltliche Anmerkungen zu diesem Artikel haben, können Sie die Redaktion per E-Mail informieren. Wir lesen Ihre Zuschrift, bitten jedoch um Verständnis, dass wir nicht jede beantworten können.

Partnervideos