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Sciencefiction: Nigel und sein Roboterfreund

Es war einmal ein alter Griesgram, gefangen in der Trauer um seine Frau. Aber schließlich findet seine Familie doch noch einen Weg, ihn zu retten. Die Regisseurin Magali Barbé erzählt diesen uralten Stoff meisterhaft als modernes Märchen.
Sciencefiction: Nigel und sein Roboterfreund

Veröffentlicht am: 22.05.2020

Laufzeit: 0:14:19

Sprache: englisch

Nigel, die Hauptperson in dem Sciencefiction-Kurzfilm »This Time Away«, hat seine Frau verloren und mit ihr den Kontakt zur Gegenwart. In seiner Küche stapelt sich das Geschirr, Mäuse tummeln sich auf den Fliesen. Seine Tage verbringt er mit Trinken und hektischem Zappen durch die Fernsehprogramme. Gelegentlich kommt seine erwachsene Tochter vorbei, um nach ihm zu sehen. Doch auch sie schafft es nicht, den Panzer aus Trauer und aggressivem Selbstmitleid aufzubrechen, in den Nigel sich zurückgezogen hat wie eine kranke Schildkröte.  »This is my house!«, ist sein ultimatives Argument. Damit würgt er jede weitere Diskussion ab, denn in England gilt das Heim eines Menschen als seine Burg. Aber dann rettet er den kleinen Haushaltsroboter Max vor der Zerstörung durch eine Gruppe Jugendlicher, und der freundliche Geselle besteht darauf, sich erkenntlich zu zeigen.

Der Regisseurin Magali Barbé ist ein ruhiger und wirklich anrührender Kurzfilm gelungen. Für ihr nur 14 Minuten langes Zwei-Personen-Stück hat sie renommierte Schauspieler gewinnen können. Die Rolle des Griesgrams Nigel hat Timothy Spall übernommen, der unter anderem in dem Kinofilm »The King's Speech« Winston Churchill gespielt hat. In Deutschland ist er am besten als Peter Pettigrew aus den Harry-Potter-Filmen bekannt. Jessica Ellerby, die unter anderem in der Fernsehserie »Pennyworth« in einer Nebenrolle als die Queen zu sehen ist, spielt seine besorgte Tochter.

Der Kurzfilm ist professionell produziert. Kameraführung, Schnitt, Bauten und Drehbuch halten jedem Vergleich mit großen Kinofilmen stand. Magali Barbé hat langjährige Erfahrung als so genannte Previs-Grafikerin. Die Prävisualisierung (im Englischen als Previsualisation oder kurz »Previs« bezeichnet) aufwändiger Szenen ist bei teuren Kinofilmen unentbehrlich. Previs-Grafiker haben heutzutage spezielle Computerprogramme, mit denen sie Szenen sehr präzise am Bildschirm planen und entwerfen können. Das spart Zeit, Geld und Nerven. Barbé sieht ihre Berufung aber eher als Autorin und Regisseurin. Bereits im Jahr 2017 hat sie den bemerkenswerten Sciencefiction-Kurzfilm »Strange Beasts« veröffentlicht. Für »This Time Away« hat sie auch das Drehbuch geschrieben. Obwohl der Film seine gesamte Geschichte in nur knapp einer Viertelstunde erzählt, wirkt er niemals hektisch, sondern baut die Handlung behutsam und ruhig auf. Er behandelt eine der umstrittensten Fragen der Gegenwart: Können und dürfen Roboter eine wichtige Rolle in der Betreuung von alten Menschen übernehmen?

»This Time Away« ist nicht der erste Film, der sich dieses Thema vornimmt. Im abendfüllenden Kinofilm »Robot und Frank» aus dem Jahr 2012 spielte Frank Langella den alten, zunehmend dementen ehemaligen Juwelendieb und Fassadenkletterer Frank Weld. Er lebt allein und wird mit seinem Alltag kaum noch fertig. Sein Sohn spendiert ihm deshalb einen Pflege- und Haushaltsroboter mit beträchtlicher künstlicher Intelligenz. Dem Alten passt das zunächst gar nicht, aber bald verstehen sich die zwei besser, als es ihrer Umwelt lieb sein kann.

 

Der Deutsche Ethikrat machte die zunehmende Technisierung der Pflege zum Hauptthema seiner Jahrestagung im Juni 2019. Bei steigender Lebenserwartung und geringer Geburtenrate wird es bald immer mehr alte Menschen geben, die Unterstützung brauchen. Während weitgehend unstrittig ist, dass Maschinen dem Pflegepersonal schwere körperliche Arbeiten erleichtern sollen, ist völlig unklar, wie weit künstliche Intelligenzen auch eine emotionale Betreuung leisten können oder sollten. Roboter mit künstlicher Intelligenz werden auch auf längerfristige Sicht von zehn Jahren kaum im Stande sein, die vielfältigen emotionalen Signale von Menschen richtig zu lesen und zu interpretieren, von einer passenden Reaktion ganz zu schweigen. Selbst menschliche Pflegekräfte kommen dabei oft an ihre Grenzen.

In der Coronakrise hat die Diskussion über den Einsatz von KI in der Altenpflege noch einmal an Dringlichkeit zugenommen. In vielen Ländern haben die Regierungen eine Besuchssperre für Alten- und Pflegeheime verhängt. Die Bewohner leiden deshalb mehr als je zuvor unter Einsamkeit. Könnte eine KI diesen Menschen bereits heute als Gesprächspartner dienen und ihre Situation erträglicher gestalten? Ungeachtet aller moralischer Überlegungen haben einige Computerspezialisten hier eine Marktlücke ausgemacht.

 

Die israelische Firma Intuition Robotics entwickelt beispielsweise ein Produkt mit dem Namen »ElliQ«, das in etwa so aussieht, als hätte man ein Tablet mit einer Nachttischlampe gekreuzt. Die Firma behauptet vollmundig, ElliQ schaffe »eine magische Beziehung mit jedem individuellen Benutzer« und gebe älteren Menschen überdies ein Gerät an die Hand, »mit dem sie wirklich sprechen und interagieren möchten«. Vorläufig ist das Produkt jedoch noch nicht marktreif, und selbst das Werbevideo macht keinen überzeugenden Eindruck. Trotzdem hat es die Firma bis Februar 2020 geschafft, von Investoren insgesamt 58 Millionen US-Dollar einzusammeln. ElliQ ist kein Roboter, sondern lediglich ein stationäres Gerät. Der humanoide Roboter Pepper der japanischen Firma SoftBank dagegen verfügt über diverse Motoren, Arme und Räder. Das niedliche Maschinchen von etwa 1,20 Metern mit seinen großen Kulleraugen ist bereits seit 2014 im Einsatz. Die Entwickler berichten stolz, dass es menschliche Emotionen erkennt und verschiedene Sprachen versteht. Es kann selbstständig im Raum umherfahren und mit seinen Armen bis zu 500 Gramm Gewicht heben. Pepper ist ein Beispiel für einen sozialen oder so genannten »personal robot«. Im Gegensatz zu Industrierobotern sollen auch Laien ohne Anleitung damit klarkommen. Allerdings muss Pepper noch viel lernen, wie man aus diesem Video entnehmen kann.

Bis humanoide Haushaltsroboter als eine Art Heinzelmännchen mit Familienanschluss in unsere Wohnungen einziehen, werden wohl noch Jahrzehnte vergehen – wenn es denn überhaupt eines Tages dazu kommt. Aber auch als modernes Märchen bleibt der Kurzfilm »This Time Away« ausgesprochen sehenswert. Magali Barbé arbeitet, wie sie auf ihrer Website verrät, zurzeit am Entwurf eines abendfüllenden Sciencefiction-Films. Wir sind gespannt darauf.

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