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Synthetische Diamanten: Sind Diamanten noch von unvergänglichem Wert?

Diamanten stehen für Reinheit, ewige Schönheit und Beständigkeit. Und bis vor wenigen Jahren schien ihr materieller Wert ebenso unvergänglich zu sein wie ihr Glanz. Aber seit sie vergleichsweise billig synthetisiert werden können, ist der Markt in Bewegung geraten. Das Video von Verge Science erklärt die Hintergründe und fragt Experten nach ihrer Meinung zur künftigen Entwicklung.
© Verge Science
Diamanten

Diamanten hatten in der europäischen Kultur schon immer den Reiz des Exotischen. Vom Altertum bis ins 20. Jahrhundert gab es auf unserem Kontinent außerhalb Russlands keine einzige bekannte Lagerstätte, und noch bis ins 18. Jahrhundert stammten alle Diamanten aus Indien. Erst 1725 wurden in Brasilien große Vorkommen entdeckt. In Südafrika setzte 1868 ein Diamantenfieber ein, das Glücksritter aus aller Welt in die Stadt Kimberley lockte, nachdem dort ein gewaltiges Diamantenvorkommen entdeckt worden war. Über mehr als 50 Jahre war Südafrika führend in der Diamantenproduktion, bevor es von der damaligen belgischen Kolonie Kongo überholt wurde. Heute hat Russland die Rolle des Landes mit der größten Fördermenge übernommen. Im Jahr 2017 stammten knapp 30 Prozent der geförderten Diamanten aus dem größten Flächenstaat der Erde. In absoluten Zahlen betrachtet sind die Mengen jedoch winzig. Alle Minen der Welt brachten 2017 nur etwa 150 Millionen Karat zu Tage. Das Karat ist das übliche Maß für das Gewicht von Diamanten und entspricht exakt 0,2 Gramm. 150 Millionen Karat sind also lediglich 30 Tonnen. Weniger als ein Viertel davon eignet sich als Schmucksteine. Zum Vergleich: Die weltweite Goldproduktion belief sich im gleichen Jahr auf 3100 Tonnen. Es ist also kein Wunder, dass Schmuckdiamanten so teuer sind.

Die chemische Zusammensetzung von Diamanten ist denkbar einfach: Sie sind eine kristalline Form des reinen Kohlenstoffs. Unter den Bedingungen, wie sie an der Erdoberfläche herrschen, kristallisiert Kohlenstoff allerdings zu Graphit, dem wenig glamourösen Stoff, aus dem die Bleistiftminen gemacht sind. Ein klarer Diamant mit dem typischen kubischen Kristallgitter entsteht nur bei gewaltigem Druck und großer Hitze, also unter Bedingungen, wie sie im oberen Erdmantel in zirka 150 Kilometer Tiefe herrschen – oder besser: herrschten, denn die meisten Diamanten entstanden vermutlich bereits vor zwei bis vier Milliarden Jahren. Die wirklich großen und reinen dieser uralten Edelsteine, wie beispielsweise der berühmte Cullinan, wuchsen sogar in Tiefen von mehr als 600 Kilometern. Von dort führt eigentlich nur ein Weg an die Oberfläche – per Vulkanausbruch. Deshalb findet man Diamanten vorwiegend an zwei verschiedenen Orten: in den Schloten erloschener Vulkane und in den Sedimenten von Flüssen, die Material aus alten Vulkanlandschaften abgetragen haben. Wären Diamanten nur ein Luxus-Accessoire, würden die geringen Fördermengen und hohen Preise nur ein Achselzucken hervorrufen. Aber sie haben eine Reihe von einzigartigen physikalischen Eigenschaften, die sie für industrielle Anwendungen höchst interessant machen. Kein Mineral ist härter oder hat eine höhere Lichtbrechung. Und damit nicht genug: Diamanten leiten Wärme um ein Mehrfaches besser als Kupfer. Der Bedarf an Diamanten für die Industrie ist deshalb deutlich größer als die Nachfrage nach Schmuckdiamanten.

Kohlenstoff ist überall reichlich vorhanden, also liegt es nahe, Diamanten künstlich herzustellen. Aber bis in die erste Hälfte des 20. Jahrhunderts gelang es nicht, die Bedingungen für die Diamantenentstehung künstlich nachzuahmen. Erst im Jahr 1955 gelang Forschern des amerikanischen Konzerns General Electric der Durchbruch. In kleinen Druckkammern ließen die Wissenschaftler Kohlenstoff unter Druck und Hitze zu Diamanten auskristallisieren. Zuerst erzeugte dieses Verfahren nur Diamantsplitter, die außerdem eher unscheinbar aussahen; inzwischen lassen sich damit aber lupenreine Schmuckdiamanten bis 10 Karat Gewicht erzeugen. In den 1990er Jahren kam die so genannte chemische Gasphasenabscheidung (Chemical Vapor Deposition – CVD) hinzu. Dabei wachsen in einem Reaktorgefäß bei etwa 700-1000 Grad in einer Wasserstoffatmosphäre mit einer einprozentigen Beimischung von Methangas kleine Impfkristalle zu großen Diamanten heran. Die so synthetisierten Steine waren bald deutlich billiger als ihre natürlichen Verwandten. Chemisch gesehen unterscheiden sie sich nicht von im Erdmantel entstandenen. Die Kristallstruktur ist gleich, die natürlichen Diamanten sind in der Regel allerdings ungleichmäßiger gewachsen und weisen zufällig verteilte Einschlüsse auf. Bei künstlichen Diamanten kann man die Wachstumsbedingungen genau kontrollieren, sie lassen sich also bei Bedarf einschlussfrei und absolut gleichmäßig züchten. Auch genau definierte Modifikationen werden möglich, was neben dem geringeren Preis ein wichtiges Argument für die Industrie ist, die inzwischen fast nur noch synthetische Diamanten einsetzt. Insgesamt stammen heute mehr als 96 Prozent aller Diamanten aus Laboren.

Im Grunde war es also nur eine Frage der Zeit, wann die ersten Firmen beginnen würden, auch Schmucksteine künstlich und in großen Mengen herzustellen. Während die Schmuckindustrie noch lange versuchte, den einzigartigen Wert von »echten« Diamanten herauszustellen, begann ausgerechnet der Diamantenkonzern De Beers einen Handel mit synthetischen Schmuckdiamanten im ganz großen Maßstab aufzuziehen. Die ehemals südafrikanische De Beers Group mit Sitz in London dominierte den weltweiten Diamantenhandel fast das gesamte 20. Jahrhundert lang. Aber bis 2010 verlor der weltweit agierende Konzern langsam sein Monopol. Zugleich sickerten immer mehr Rohdiamanten aus Konfliktzonen in den Markt ein. Diese plakativ als Blutdiamanten bezeichneten Steine dienen in Afrika verschiedenen Warlords und Rebellengruppen zur Finanzierung ihrer Kriege. Diamanten bekamen einen zweifelhaften Ruf, den sie bis heute nicht loswurden. Die Hersteller von synthetischen Steinen werben deshalb mit einer »untadeligen« Herkunft ihrer Produkte. So garantieren sie den Käufern ein gutes Gewissen und verbessern die Marktchancen ihrer Produkte in der Schmuckindustrie. Die niedrigeren Preise tun ein Übriges. Das Video nennt einen Preisvorteil von 30 Prozent, aber dieser Wert ist bereits überholt. Im Internetportal lightboxjewelry.com bietet die englische Firma Lightbox Jewelry Ltd., eine Tochterfirma von de Beers, seit Ende 2018 Diamantschmuck zu einem Zehntel des bisher üblichen Preises an. Die synthetischen Diamanten bezieht sie von Element Six, einer weiteren De-Beers-Tochter.

Sollte dieses Beispiel Schule machen, werden die meisten Diamantminen sehr schnell unwirtschaftlich und das Angebot an natürlichen Schmucksteinen noch geringer werden. Dann werden vermutlich lediglich sehr außergewöhnliche natürliche Steine Kunden finden. Wenn man sich ansieht, mit welchem menschlichen Elend und welcher Umweltzerstörung die Diamantenförderung verbunden ist, muss man das nicht unbedingt bedauern.

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